Gaußens Kurve (Leistungsbewertung)

Denkt man sich die Glocke,
senkrecht auf ihrer Axe, 
in Ringe getheilt, 
deren jeder seinen eigenen Ton erzeugt, 
...so wird es erklärlich, 
dass der Ton einer Glocke kein einfacher, 
sondern ein Gemisch von Tönen ist.

Meyers Konversations-Lexikon/1876 zum Stichwort „Glocke”


Zu meiner Zeit war das so: Kamst du montags mit einem Stoß Hefte ins Lehrerzimmer und stapeltest die Früchte deiner Wochenendfron auf den Tisch, sah kaum einer hin. Sagtest du aber beiläufig: „Keine Fünf, keine Sechs!“, konntest du das noch so bescheiden murmeln und jeden triumphierenden Unterton vermeiden: deine lieben Kolleginnen und Kollegen zuckten zusammen. Ihre Blicke sagten: Arbeit war zu leicht! Oder: Zu milde zensiert! Auf die Idee, es sei dir die großartige Leistung gelungen, alle Schüler lernen lassen, was zu lehren deine Aufgabe war, kamen die gar nicht.
Das hat sich tief in unser Hirn gefressen: Es muss Gute und Schlechte geben; sonst stimmt etwas nicht.

Weil beim Hantieren mit den Preisrichtertäfelchen auch bei ehrpusseligen Leuten zwangsläufig viel Willkür im Spiel ist, sind wir Lehrer seit jeher auf der Suche nach der Blauen Blume der Zensiererei: der Objektivität. Am liebsten wäre es uns, wir könnten unzuverlässige Messdaten mit mathematischen Operationen „veredeln“, wie Karlheinz Ingenkamp zu meiner Zeit spottete.
Irgendwann kam einem schnurrigen Kopf eine Idee. Hatte nicht Gauß, Carl Friedrich, Direktor am Observatorium zu Göttingen und Professor ebendort, im vorvorigen Jahrhundert die „Wahrscheinlichkeitsverteilung einer kontinuierlichen Zufallsgröße” aufgefunden? Graphisch dargestellt ergibt das die berühmte „Glockenkurve”, mal steiler, mal flacher. Diese Kurve hat besagter Schnurrkopf für die Blaue Blume genommen. Was für natur-, wirtschafts- und ingenieurwissenschaftliche Vorgänge hilfreich und bei Baustofffestigkeiten und Eiergewichten auf Hühnerfarmen nützlich ist, muss selbstverständlich auch auf Schülerleistungen anwendbar sein.

Zu berechnen ist die Sache nach einer komlizierten Formel.

Falls gerade mal kein Taschenrechner zur Hand ist, genügt auch π mal Daumen. 
Auf dass die Kurve für schulisches Zensieren nutzbar werde, muss sie nun noch in Abschnitte unterteilt werden. Wir haben, warum auch immer, sechs. Besser wäre eine ungradzahlige Skala, weil  die  eine konkrete Mitte bietet. Aber die Fünferskala war in der DDR üblich, sodass weitere Überlegungen in dieser Richtung erledigt sind. „Normal” sind also extrem wenige Einsen und Sechsen (vorderes und hinteres Ende der Kurve), mehr Zweien und Fünfen und am meisten Dreien und Vieren. 
Aber wie der Glockenton kein „einfacher, sondern ein Gemisch“ ist, so verhält es sich auch mit der sogenannten Objektivität bei Menschen: Es gibt viele unterschiedliche private „Objektivitäten”. Der eine setzt für Einsen und Sechsen je fünf Prozent an und steigert mäßig zu einem vollschlanken Glockenbauch, andere malen sich ihre Glocke steiler, wieder andere tricksen die Sechsereinteilung mit gebrochenen Zensuren aus.

Aber ach, es ist alles umsonst. Wir können Vater Gaußens Kurve zurechtbiegen, wie wir wollen, pädagogisch ist sie stets pervers. Denn sie verlangt, dass es immer Schüler mit schlechten Noten gibt, ob sie das Ziel erreicht haben oder nicht.

die GlockeZu meiner Zeit erklärte ein Kollege in einem benachbarten Schulamt die Installierung von Gauß-Verwandten in der Schule für obsolet und weigerte sich, ohne triftigen Grund Negatives über „Eignung, Befähigung und fachliche Leistung“ für die Personalakten seiner Lehrer zu schreiben. Sei ein Lebenszeit-Beamter ungeeignet, argumentierte er, hätte man ihn vom Beruf fernhalten müssen. Jetzt noch über seine Eignung zu urteilen, sei Unfug. Inzwischen könne man ihm nur noch helfen. Was aber Befähigung und fachliche Leistung angehe, so sei es doch nur vernünftig, Lobenswertes zu suchen und zu nennen, denn jeder Mensch sei bestrebt zu wiederholen, worin er bestärkt worden sei, während Kritik in der Personalakte nur Widerstand hervorrufe. Also unterschritt er das Urteil „entspricht den Anforderungen voll“ nur im Notfall, reservierte aber die Höchstnote für Kolleginnen und Kollegen, in denen er Kandidaten für eine Beförderungsstelle sah.

In der mittleren Schulaufsicht wurde ihm bedeutet, eine solche Verteilung sei nicht „normal“, und man deutete eine stillschweigende Etwa-Quotenvorgabe an. Da besuchte er im Jahr vor seiner Pensionierung Frau für Frau und Mann für Mann die Kolleginnen und Kollegen seines Bezirks und hortete seine Berichte. Kurz vor seiner Verabschiedung ließ er in der Kreisverwaltung zwei Pakete packen und dem RP schicken.

Es war nicht nötig. Später tat ich es ihm nach, schickte aber meine Berichte in munter-aktueller Folge. Niemand hat mich je kritisiert. Chapeau nach Arnsberg!

Falls das ein Trost ist: Auch Schulaufsichtsbeamte werden von ihren Oberen nach Qualität sortiert, neuerdings, höre ich, nach Punkten. Und auch bei denen würde es nicht als „normal“ verteilt gelten, sollte es zu viele gute Beamte geben.
Wie gut, dass Lehrerinnen und Lehrer es nicht wissen, wenn sie von einem Menschen revidiert werden, dem seine Oberen mit dem Verdikt „im Allgemeinen“ bescheinigt haben, mit ihm sei nicht viel los.

(Ehe sich nun ein ehemals von mir beurteilter Mensch zu einem Verdacht hinreißen lässt, erkläre ich: Laut meiner letzten Beurteilung entsprachen meine Leistungen den Anforderungen „voll“.)