Jedes Jahr im Sommer (Sitzenbleiben)

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.”
(Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 1.1)


Jedes Jahr im Sommer wird ein Telefonnetz für Erste Hilfe übers Land geworfen. Tausende verzweifelter Kinder und junger Leute werden innerhalb weniger Tage darin aufgefangen.

Jedes Jahr im Sommer flüchten einige Tausend Kinder in Panik aus ihrem Elternhaus und werden von der Polizei gesucht.

Jedes Jahr im Sommer gibt es eine Zeit, da kommen mehr junge Leute durch Selbstmord ums Leben als im Straßenverkehr.

Die Welle des Entsetzens wird ausgelöst von der größten Einrichtung für die Förderung der Jugend im Lande: der Schule. Jedes Jahr im Sommer bringt die Schule ihre Opfer dar, Tausende, Abertausende. Rund ein Drittel aller Schüler werden irgendwann während der Schulzeit zum Opfer — eine phantastische Misserfolgsrate, die sich kein anderes Unternehmen auch nur ein Jahr lang leisten könnte. Bei der Schule hält das alle Welt für normal.

Dass in Deutschland Jahr für Jahr rund eine Viertelmillion Schüler „sitzen bleiben“ und dadurch die Staatshaushalte rund 1,2 Milliarden Euro kosten, juckt die famosen Rechner nicht, die sonst wegen einzelner Lehrerstellen Sitzungen abhalten um herauszufinden, ob die wirklich für die Kinder investiert werden müssten.

Die Opferzeremonie besteht aus vier Akten, deren Ritual exakt vorgeschrieben ist und bei denen auch langjährig bewährten Opferern immer wieder Fehler unterlaufen.

Zuerst werden die möglichen Opfer per Vordruck in Kenntnis gesetzt. In „blauen Briefen” lesen die Eltern die Bankrotterklärung der Schule: Weil sie ihr Lehrziel nicht erreicht habe, erwäge sie, das Kind aus seiner Bezugsgruppe zu reißen, seine schulische Entwicklung um exakt ein Jahr zu verzögern und es mit einem mehr oder weniger dauerhaften Makel zu versehen.

Der zweite Akt ist der förmliche Beschluss. Da hocken die Opferer in ihren pädagogischen Höhlen und bringen junge Menschen auf dem Altar der Jahrgangsklasse dar. Eine Fülle kleinlicher Vorschriften reguliert den Ablauf der eigentlichen Opferung in der Versetzungskonferenz. Juristische Handbücher für Lehrer füllen ganze Kapitel mit Gerichtsentscheidungen und Kommentaren zum Ritual.

Der dritte Akt ist, die vollzogene Opferung zu verkünden, und der vierte Akt, die nachträgliche Verkündung des Urteils, ist Sache des Postboten. Einschreiben mit Rückschein.

Und seht nur, wie das Wohl des Opfers uns plagt: Am letzten Schultag vor den Ferien braucht es nicht mehr zu seinen Klassenkameraden zu kommen.
Während das Kind seinen mit Nachtmahren gesäumten Weg antritt, sind die Pädagogen aus ihren Höhlen in die Jetztzeit gewechselt und halten ihre Bäuche längst in südliche Sonne.

Warum pflegen wir dieses schlimme Ritual? Weil uns die Möglichkeiten für die erforderliche Förderung vorenthalten werden, tönt die Antwort aus den Lehrerzimmern. Das stimmt und ist tausendmal nachgewiesen worden. Weil Geld für kleinere Klassen und mehr Lehrer verweigert wird und statt dessen die Folgen des Versagens mit Milliarden subventioniert werden, sind Lehrern die Hände gebunden. Und nun? Warten wir darauf, dass sich etwas ändert? Liebe Freunde: Nichts werden die ändern. Die Anständigen können’s nicht, und die Ideologen wollen’s nicht. Das ist nicht so dahergesagt: Die einen können’s nicht, die andern wollen’s nicht.

Da müssen wir unsere gefesselten Hände schon selber gebrauchen. Am einfachsten ist: Wir verzichten auf die Zeremonie, wo wir verzichten können. Das ganze Ritual geht uns nichts mehr an, wenn wir tun, was zu meiner Zeit ein schlichter Satz in den Ausbildungsordnungen Grundschule nahelegte: „Der Rücktritt ist der Nichtversetzung vorzuziehen.”

Das ist es: Wir lassen es gar nicht erst so weit kommen, dass ein Kind sitzenbleibt! Zwar können wir das Versagen des Systems Jahrgangsklasse damit nicht aufheben. Aber das barbarische Ritual können wir für viele Kinder abschaffen. Sobald wir sicher sind, dass eines in seiner Stufe dauerhaft überfordert ist und unsere gefesselten Hände nichts ausrichten können, vereinbaren wir mit den Eltern einen Rücktritt während des Schuljahres. Ins Zeugnis schreiben wir: „Auf eigenen Wunsch und auf Wunsch der Eltern zurückgetreten”. Datum, Unterschrift. Fertig. Zuvor haben wir Zeit genug, das Kind allmählich für diese Entscheidung zu gewinnen.

Wir verzichten auf die ganze Zeremonie aus der pädagogischen Steinzeit: Wir stellen unsere pädagogische Selbstachtung wieder her.

Und wenn die Eltern partout nicht wollen? Erst dann haben das Kind und wir verloren, denn vor manchen Eltern können wir Kinder nicht mal mit entfesselten Händen schützen.

Im zweiten Schuljahr ließen sich Franks Eltern  nach vielen Besuchen im Unterricht von der Lehrerin überzeugen, dass ein Rücktritt das Beste für ihr Kind sei. Frank zu überzeugen, war weniger schwierig, wenn ihm auch bänglich zumute war. Er wurde durch häufige Gespräche und durch Unterrichtsbesuche in der anderen Klasse behutsam an seine neue Umgebung gewöhnt. Allmählich war er öfter in Klasse 1 „auf Besuch” als in seiner angestammten. Endlich wechselte er und fühlte sich wie ein kleiner König, befreit von Jammer, Not und Verzagtheit der Seele.

Spontan schrieb er der Lehrerin einen Brief.

Das seien Einzelfälle? Liebe Freunde, in der verwalteten Schule kann sich die pädagogische Ehre nur in Einzelfällen erweisen.
Nichts ist so leicht anzutasten wie die Würde des Kindes. Der diesen Appell schrieb, hat das selbst erfahren.