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Freikirchliche Brüderbewegung: Wie es zur religiösen Knechtung meiner Sippe kam
Die folgenreiche Errettung des Ludwig B.
Erstes Buch
Teil 1: Ludwig, Carl und Mister Darby
Teil 2: Der wiedergeborene Ludwig
Zweites Buch
Adolf Birkenstocks Ungehorsam
Erstes Buch (zweiter Teil)
Der wiedergeborene Ludwig
An diesem Tage, irgendwann im Frühling des Jahres 1859, tritt der wohlhabende Wanderprediger John Nelson Darby aus Britannien seine Herrschaft über den Fabrikarbeiter Ludwig Birkenstock aus dem preußischen Breckerfeld an, obwohl beide einander noch nie gesehen haben. Dass der Birkenstock damit Hunderte seiner Nachkommen dazu bestimmt, sich entweder ebenfalls zu unterwerfen oder sich schmerzensreich aus des Fremden Herrschaft freizukämpfen, ist ihm selbstverständlich kein Gedanke.
Endlich ist er also ein Bruder „in Gemeinschaft“. Der Ehe mit Caroline Daude steht nichts mehr im Wege.
Bei Ludwig Birkenstock finden im Frühjahr 1859 Kirchenaustritt, Taufe und Zulassung zum „Brotbrechen“ ganz gegen die Gepflogenheit innerhalb weniger Wochen statt. Was die Gründe für diese Hast sind, ist später nicht mehr feststellbar.
Es liegt aber auf der Hand, dass sie in irgendeiner Weise mit der beabsichtigten Eheschließung zusammenhängen. Eine „Muss-Heirat“ war es diesmal aber nicht.
Was ist das für eine Frau, die einen 36jährigen Witwer mit vier lebenden und drei toten Kindern heiratet, von dem das ganze Städtchen weiß, dass er als Unmündiger einer Witwe „ein Kind machte“? Ein schwaches Weib ist sie sicherlich nicht gewesen. So eine hat nicht den Schneid, als junges Fräulein abseits vom großen Schwarm, nur von einer älteren Witwe begleitet, ins Gericht nach Hagen zu marschieren und dort vor dem Richter Gerk ihren Austritt aus der Kirche zu Protokoll zu geben.
Als sie den Ludwig Birkenstock nimmt, kommt das einem Gelübde zu lebenslänglicher Armut gleich. Sein Vater hatte wenigstens noch eine Hütte. Ludwig aber haust irgendwo billig zur Miete, vermutlich in nur zwei Räumen, wie das bei Arbeitern üblich ist.
Auch zwei Gärten besaß der Vater. Und Ludwig? Der besitzt nicht einen einzigen Quadratschuh Land. Da gibt es keine Kartoffeln vom eigenen Acker und keinen „Kappes“, der als Sauerkraut über den Winter helfen könnte. Alles muss gekauft oder erbettelt werden.
Übertragung des Austrittsdokuments durch GS:
„Nachstehende Personen:
1. die Wittwe des Nagelschmieds Franz Luckemeyer, Sophie geb.
Boesebeck von Breckerfeld,
2. die unverehelichte Caroline Daude, Tochter der Eheleute Schloßschmied
Heinrich Daude und der Christiane geb: Osenberg daselbst, 23 Jahre
alt,
haben ihren Entschluß, aus der evangelischen Landeskirche zu scheiden,
am heutigen T age zum gerichtlichen Protokoll erklärt.-
Dieses wird Ihnen in Gemäßheit der Verordnung vom 30. März
1847 hierdurch mitgetheilt. ...“

Dennoch ist es der Glücksfall ihres Lebens, dass sie den Ludwig Birkenstock kriegt. Besser: Das hat der Herr so arrangiert. Gewiss, er ist ein Fabrikproletarier, aber das sind die meisten Männer in ihrem Umkreis schließlich auch, und die es nicht sind, haben als Handwerker und Kleinbauern kein wesentlich höheres und vor allem kein regelmäßiges Einkommen.
Caroline wird sich des Gefühls nicht erwehren können, sich über viele Geschlechtsgenossinnen hinausgehoben zu fühlen, als sie Aussicht hat, wenigstens einen Hauch des bürgerlichen Familienidylls zu erreichen: Der Mann geht „auf Arbeit“, die Frau sorgt sich um Haushalt und Kinder - wenn auch unter erbärmlichen Umständen.
Als „Bruder“ würde der Birkenstock lieber zwanzig Stunden am Tag schuften, als seine Frau „auf Arbeit“ gehen zu lassen oder auch nur durch Heimarbeit sie von ihren gottgewollten Aufgaben, Haushalt und Kinder, fernzuhalten.
Der Ludwig hat noch mehr Vorzüge: Er geht nicht ins Wirtshaus und spielt nicht. Diese unter Proletariern weit verbreiteten Laster sind für einen „Bruder“ undenkbar. Auch mit „Fremdgehen“ wird sie voraussichtlich keine Last haben.
Dass sie wegen ihres Geschlechts nach den Regeln des Paulus rabiat benachteiligt wird, empfindet sie kaum als besonders negativ. Im Deutschen Reich sind alle Frauen Menschen mit minderen Rechten. Ohne Übertreibung: Sie sind Menschen zweiter Klasse. In keinem der vielen deutschen Staaten steht Gleichberechtigung auch nur auf dem Papier. Über Wohnort und Wohnung bestimmt der Mann. Er steht seiner Familie, seinem Haushalt vor. Auch wenn er seine Tage versäuft oder verhurt oder seine Frau regelmäßig verprügelt und es deshalb zur Scheidung kommt, so gehört danach doch alles, was während der Ehe zusammenkam, ihm allein.
Für viele Frauen ist ihre Diskriminierung selbstverständlich. Anderes haben sie nie kennen gelernt. Allerdings: Seit Jahren schon gärt es unter ihnen, hier und da im Reich schließen sich kleine Gruppen zusammen, um gegen ihre Unterdrückung anzugehen, und wenige Jahre nach Carolines Heirat wird in Leipzig der Allgemeine Deutsche Frauenverein gegründet werden.
Zeitsprung
Der Leiter einer „Versammlungs“-Schule zur Rolle der Frau
Mütter ... sollen ihre Männer und Kinder lieben und „mit häuslichen Arbeiten beschäftigt sein“, sowie sich ihren Männern unterordnen ... Auch wenn dies unmodern klingt, bleibt es doch Gottes fester Wille. Wir könnten uns viele Probleme mit der Arbeitslosigkeit sparen, wenn wir zu Gottes Wort zurückkehrten.
(Aus der Einladung zur Gründung einer „Bekenntnisschule auf biblischer Basis“ am 3. März 1989 in Gevelsberg nahe Breckerfeld)
Für die künftige Frau Birkenstock bleiben solche Gedanken undenkbar. Denn bei den „Brüdern“ ist die Benachteiligung der Weiber sogar ideologisch zementiert.
Wenn die Frauen in der „Welt“ eines Tages Verbesserungen ihres Untertanendaseins erkämpfen, so werden die nicht ohne weiteres für die Frauen der „Versammlung“ gelten: Was ist Menschengesetz gegen das Gesetz unseres großen Gottes?
In einer Ehe zwischen „Bruder“ und „Schwester“ herrschen übersichtliche Verhältnisse, und damit das so bleibt, schicken Brockhaus und seine Leitenden Brüder mit ihren Blättchen Ermahnungen frei Haus: „Während das Weib immer wieder zum Gehorsam und zur Unterwürfigkeit angehalten wird, lautet die Ermahnung für den Mann: ‚Liebe dein Weib - gieb ihr Ehre - sei nicht bitter gegen sie.’ Nirgendwo wird das Weib ermahnt, ihren Mann zu lieben ... Es gilt eben als selbstverständlich, daß die Frau ihren Mann liebt.“51
Wer wie die Gefolgsleute des Brockhaus jedes Wort der Bibel für Gottes Lebensanweisung hält, kommt auch gar nicht auf den Gedanken, er dürfe interpretieren. Jedes Wörtchen ist absolute Autorität. So ist es auch undenkbar, dass Caroline während der gottesdienstlichen Zusammenkünfte wagen würde, auch nur ein Lied vorzuschlagen. Sie hat ja nach dem Gebot des Apostels Paulus zu schweigen „in der Versammlung“.
Geredet wird nur auf der anderen Seite des Raums, bei den Männern. Nur die beten laut, nur die lesen aus der Bibel, nur die „legen das Wort aus“ und machen der Gemeinde Mitteilungen. Gegenüber, wo Hut an Hut die Frauen sitzen, wird allenfalls gehüstelt.
Und wehe, Caroline käme ohne Kopfbedeckung! Ludwig, der ist ein Mann, und Männer dürfen ausdrücklich ohne Hut und Mütze da sitzen, weil sie Gottes Bild und Herrlichkeit“ sind52). Weil aber Caroline als Frau alle über sich hat: Gott, Christus und auch noch den Ludwig, muss sie im Gottesdienst als „Zeichen der Macht“ über sich etwas auf dem Kopf haben.
Scheinbar Läppisches kann über Tod und Leben entscheiden. Weil langes Haar der Frau „eine Ehre“ ist53 und Maria dem Herrn Jesus die Füße mit ihren Haaren abtrocknete,54 darf Caroline an ihren Haaren höchstens ein bisschen schnippeln; danach bindet sie die zu einem Nackenknoten oder rollt sie so schmucklos wie möglich. (Auch schön geflochtene Haare hat Gott durch Paulus verbieten lassen.55)
Zeitsprung: Vier Generationen später
Annette T., *1947, Ururenkelin Ludwigs, schriftlich im März 2001
Haare abschneiden war „Sünde“. „Das Haar ist der Schmuck der Frau“, sagte meine Mutter immer, als ich mit fast 16 Jahren verzweifelt bettelte, endlich meine Zöpfe abschneiden zu dürfen.
Und während die Männer sonntags nach der „Stunde“ über die Angelegenheiten der Gemeinde beschließen, kümmern sich die Frauen um den Sonntagsbraten.
Pünktlich neun Monate nach der Hochzeit kommt Anna zur Welt, Carolines erstes Kind und Ludwigs siebtes. Das Kleine lebt nur bis zum Herbst.
Für gläubige Eltern bedeutet der Tod eines Kindes nicht nur Schmerz und Entsetzen. Sie haben keinen Zweifel: Durch diesen Tod redet Gott mit ihnen. Sie verstehen ihn als Prüfung ihres Glaubens. Zweifeln sie an Gottes Liebe? O nein. Herr, unser Gott, sieh an, wie wir leiden. Aber dein Wille geschehe!
Im Vertrauen auf Gottes Gnade nennt Ludwig das folgende Birkenstock-Kind August - wie das früh gestorbene seiner ersten Frau und wie jenes zweite, bei dessen Geburt sie sich zu Tode quälte.
Für uns Heutige scheint das fast frivol, gefühllos. Aber zu dieser Zeit ist das eine weit verbreitete Sitte, bei Kinderreichtum geradezu üblich. Liebe und Hoffnungen, die Mutter und Vater in dieses Kind investierten, sind nun nicht gänzlich verloren, sie werden sozusagen posthum übertragen auf das neue Wesen und haben mit diesem eine neue Chance, in Erfüllung zu gehen. Diesmal ist es noch mehr: Zweimal hat Gott ein August-Kind wieder genommen. Falls dieses bleiben sollte, ist das für den Ludwig wie der Regenbogen für Noah. Es bleibt.
Auch Kind Nummer neun erhält den Namen eines verstorbenen: Anna. Das zehnte endlich wird nach seinem Erzeuger genannt: Ludwig. Da ist Birkenstocks Älteste, Wilhelmina, bereits volljährig und hat im nahen Barmen eine Stelle als Dienstmagd. In Bälde wird sie den Fabrikarbeiter Gustav Adolf Vogelsang heiraten.
Immer noch geht Vater Ludwig Morgen für Morgen „auf Arbeit“ in seine Fabrik, immer noch kommt er Abend für Abend erschöpft nach Hause. Bei ihm ist kein Aufstieg zu erkennen. Die junge Frau aber kann als Dienstmagd mit etwa 40 Talern im Jahr rechnen.56 Hinzu kommen freie Unterkunft und Verpflegung. Rechnet man das zusammen, findet Ludwig nach Jahrzehnten Arbeit gerade mal zwei Taler mehr in seiner wöchentlichen Lohntüte - und er arbeitet nicht nur schon länger als seine Tochter Jahre zählt, sondern er ist schließlich auch ein Mann, und allein deshalb steht ihm viel mehr zu als seiner Tochter.
Wilhelminas Status könnte als das erste Anzeichen für Gottes Willen verstanden werden, Ludwig für seine anspruchslose Treue auch wirtschaftlich zu segnen. Leider: Könnte – aber kann es auch? Denn da dürfte es einen großen Schmerz geben: Wilhelmina bekennt sich nicht rückhaltlos zu Ludwigs Glauben. Gleiches gilt auch für ihre Schwestern Caroline und für Emilie, Kind Nummer 12.57 Wollten die etwa die Dauer-Demut einer „Versammlungs“-Frau nicht hinnehmen? Oder verweigern sie, was genauso schlimm wäre, das öffentliche Bekenntnis? Ausgerechnet drei der Mädchen!
Bei allen Jungen, die doch gemeinhin schwieriger zu handeln sind als Mädchen, haben es die Birkenstocks geschafft, sie auf die Glaubensspur der Eltern zu setzen. Sie alle sind bekehrt und werden, wenn sie herangewachsen sind, in die Gemeinschaft der Heiligen aufgenommen werden.
Der siebzehnjährige Friedrich-Wilhelm hat das wahrscheinlich schon hinter sich: Nach seiner Bekehrung hat er sich dem Verhör durch die Ältesten gestellt, an dessen Ende die ihm einen gesunden Glauben attestierten, sodass er nun zum „Tisch des Herrn“ zugelassen ist, also das Abendmahl empfangen darf und so vollwertiges Glied der freikirchlichen Brüdergemeinde ist.
Noch haust Familie Birkenstock im Elend. Vier Kinder zwischen 13 und 20 Jahren hat sie, und die sind eher Last als Hilfe. In Barmen oder Elberfeld, nahebei, könnten sie in einer der unzähligen Textilfabriken arbeiten, aber in Breckerfeld kann so ein Kind froh sein, wenn es dann und wann mal auf Tagelohn gehen darf.
Nicht jeder Arbeiter bei Voormann hat zusätzlich zu vier starken Essern drei Kleine am Hals, muss Miete zahlen und kann doch nicht mal Kartoffeln im eigenen Garten ziehen.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten hat es nicht die geringste wirtschaftliche Verbesserung für Ludwig gegeben. Als gläubiger Brockhaus-Jünger hat er längst akzeptiert: Er war ein Armer, ist es und wird es bleiben. Weil Gott selbst das so will. Er hat die Menschen ungleich gemacht. „Der Herr macht arm und macht reich“ – 1. Samuel 2.7.
Auf Erden hat dieser Mann keine Perspektive. Die er hat, eröffnet sich erst nach seinem Tod. Aber bis dahin kann es noch lange dauern. Schließlich ist er erst 43 Jahre alt, und einige weitere Jahrzehnte Elend stehen ihm bevor.
Da erhält er im Frühjahr 1866 ein phantastisches Angebot. In dem Sauerländer Dorf Kückelheim ist eine Fabrik für Drahtweberei eröffnet worden; die stellt allerlei Siebe her, vom Tee-Sieblöffel bis zum Fliegenschrank. Für die bevorstehende Ausweitung der Produktion wird händeringend ein Spezialist gesucht, der einheimische Ungelernte anleiten kann. „Facharbeiter gab es nicht in den umliegenden Dörfern“, wird Jahrzehnte später die Firmenchronik klagen.58
Zeitsprung: Vier Generationen später
Berichte von Nachgeborenen: „Bekehrungen“ (2)
Gerhard Sennlaub, *1933, Ururenkel Ludwigs
„EA“ war der Motor der organisierten evangelischen männlichen Jugend unserer Stadt. Einmal, 1946 oder 1947, war er mit uns zwei Wochen lang in Bad Salzuflen. Gastgeber war der gläubige Inhaber einer Großgärtnerei. Wir durften uns einigermaßen satt essen und schliefen in Zelten aus Beständen der US-Besatzungsmacht. „EA“ gestaltete unsere Nachmittage spielerisch-sportlich und entdeckend und die Abende fesselnd bis besinnlich. Der Preis, den wir für solches Nachkriegsglück zu bezahlen hatten, bestand in der Teilnahme an der „Bibelarbeit“ vormittags. Hier wurde anderthalb bis zwei Stunden täglich heftig gesungen und gebetet und auf höchst intensive Weise (Bleistift war mitzubringen) die Bibel gelesen, ausgelegt und mit beispielhaften Alltagsgeschichten unterfüttert.
Gegen Ende der zwei Wochen hatte „EA“ offenbar das Bedürfnis, seine Ernte einzufahren. Einzeln zog er uns ins Gewächshaus. Da nahm er meine Hände, legte sie auf die hölzerne Einfassung eines Hochbeets, packte seine darauf und fragte mich, ob ich in diesen Tagen den Herrn Jesus “angenommen“ hätte.
Die überrumpelnde Aufforderung war mir ungeheuer peinlich. Zwar hatte ich das aufrichtige Bedürfnis, ein Christ zu sein, aber das immer wieder angemahnte Erlebnis, das der Wendepunkt in meinem Leben sein sollte, hatte sich auch in diesen zwei Wochen nicht eingestellt. Da aber die Ja-Seite schwerer wog und mir überdies seine warmen Patschen auf meinen Händen zuwider waren, erklärte ich: Ja, ich hätte. Des war er froh. Sogleich wollte er mit mir beten. Natürlich laut.
Als er endlich schwieg, lagen seine warmen Hände immer noch auf meinen. Da wusste ich, das nun ich an der Reihe war. Still betete ich für mich mehrmals täglich. Aber laut vor einem anderen, das war wie eine Entblößung. Um jedoch der Peinlichkeit zu entfliehen, gab ich seinem Verlangen nach und betete laut unter seinen Händen.
Der Ludwig aber ist einer. Und was für einer! Der kann beides: weben und mit Draht umgehen. Von klein auf hat er im Elternhaus die Weberei gelernt, und mit allerlei Metallen vom Draht bis zum Spaten und vom Flechten bis zum Schmiedehämmern geht er seit vielen Jahren in Voormanns Fabrik um. Deshalb soll er sich in Kückelheim um den geplanten Ausbau der Drahtweberei kümmern. Man kann sagen, dass er dort eine Art „Werkmeister“ sein soll. So jedenfalls sieht es voller Stolz sein Sohn Wilhelm.59
Für einen Proletarier ohne Perspektive ist das eine so großartige Chance, dass nur Gottes gnädige Führung dahinter stecken kann.
Und tatsächlich: Das Angebot macht ihm Carl Brockhaus persönlich, und die Fabrik gehört dessen Bruder Friedrich.
Niemals würde Bruder Birkenstock eine solche Entscheidung fällen, wenn ihm nicht während langer Gebete die Gewissheit erwachsen wäre, dass sein Herr ihn auf diesen Weg führt. Und dass Ludwig seine Caroline am Beten beteiligt, kann ebenfalls als ausgemacht gelten. Die Entscheidung trifft dann aber natürlich der Mann. Wäre es nicht nur verständlich, wenn Kückelheim für den Ludwig ist, was einst Palästina für den Abraham war: das Land der Verheißung?
So macht sich also der Ludwig Birkenstock mit Frau und sieben Kindern auf den beschwerlichen Weg ins Sauerland. Eine Eisenbahn fährt da nicht. Vielleicht hat ihm sein Gönner für nicht allzu viele Taler einen Wagen besorgt - zu einem brüderlichen Preis natürlich.
Viel Zeug hat eine Arbeiterfamilie nicht. Im benachbarten Wuppertal „wurde ein Handwagen, der für Hausrat und Möbel völlig ausreichte, zur nächsten Zweizimmerwohnung geschoben“.60 Mehr als ein Pferdefuhrwerk braucht auch eine große Familie nicht.
Hochwürden Spitzbarth wird den Wegzug der Birkenstocks mit einiger Befriedigung gesehen haben: Wieder zwei von denen weniger. Bedenkt man, dass der Wegzieher seine wimmelnde Kinderschar selbstverständlich der Kirche komplett vorenthalten wird, muss der Pfarrer sogar glücklich sein.
Die „Brüdergemeinde“ stagniert. In der ganzen Region von Gevelsberg über Schwelm bis Breckerfeld bekennen sich nach so vielen Jahren nicht mehr als 61 Personen in fünf Grüppchen zu den Brockhäusern. Die Baptisten in Volmarstein haben in einem Fünftel der Zeit die doppelte Anzahl geschafft. Neue „Brüder“ kommen kaum mehr hinzu. Im Gegenteil: die Schar der Abtrünnigen wird, den Gesetzen der Biologie folgend, kleiner. Und Carl Brockhaus hat einfach nicht die Zeit, so intensiv seine Breckerfelder zu bedienen, wie es nötig wäre; er muss sich schließlich um halb Europa kümmern und ist fortwährend auf Missionsreisen.
Pfarrer Spitzbarth kann durchschnaufen. Die fundamentalistische Offensive gegen Luthers Kirche hat sich tatsächlich totgelaufen. Dass es gelingt, den Schneider Matthias Ludwig in den Schoß der Kirche zurückzuziehen, ist ein kleiner zusätzlicher Triumph. Die vereinzelten Austritts-Bescheinigungen der nächsten Jahre legt er kommentarlos ab. Er weiß: Sein im letzten Augenblick geschaufelter Deich hat gehalten. In Breckerfeld ist der Feind am Ende.
Hochwürden aber auch. Wenig später beginnt der Pfarrer zu kränkeln und bekommt einen Hülfsprediger zur Seite, hält auch bis fast zum Ende seiner Dienstzeit durch, wird am Reformationsfest 1867 aus seinen treuen Diensten feierlich entlassen, setzt sich nahe Hagen bei seinem Sohn zur Ruhe und stirbt bald darauf. Sein letzter Wunsch wird erfüllt: Er wird an seiner geliebten Breckerfelder Kirche begraben.
Ludwigs Ernüchterung beginnt schon vor der Ankunft in der Fabrik. Kückelheim ist ein abgelegenes Kaff, gegen das selbst die „todte Stadt“ Breckerfeld eine Metropole ist. Zu der neuen Wirkungsstätte des „Werkmeisters“ führen „grundlose, kaum fahrbare Wege“, wie die Firmenchronik später zugeben wird.
Die Ernüchterung steigt beim Anblick des Gebäudes. Von „Fabrik“ mag einer, der Voormann & Sohn in Breckerfeld kennt, bei Friedrich Brockhaus in Kückelheim nicht reden. Es ist nur das Wohnhaus des ehemaligen Dorfschullehrers. Der war der Vater des jetzigen „Fabrikanten“.
Anfangs waren es ganze zwei Webstühle, gebraucht gekauft, und die standen in zwei Zimmern des „Fabrikbesitzers“. Wenigstens diese Zeit ist inzwischen vorbei. Jetzt expandiert die Firma: Einige Webstühle sind hinzugekommen, für die im Wohnhaus weitere Zimmer geräumt wurden. In einem anderen Raum ist neuerdings eine Klempnerei untergebracht.
Dass die Wohnverhältnisse für die Birkenstocks sich unter diesen Umständen besser gestalten als in Breckerfeld, darf man wohl nicht annehmen. Neben der Familie des Fabrikherrn, vier großen Webstühlen und einer Klempnerei ist für eine neunköpfige Familie schwerlich Platz im ehemaligen Wohnhaus des Dorflehrers. Ein „Arbeiterhaus“ wird erst einige Jahre später gebaut werden. Also sind Birkenstocks auf die Anmietung von ein paar Räumen in einem Häuschen der „ärmlichen Dörfer“ in der Nähe61 angewiesen. Aber sie sind ja ärmlichste Umstände gewohnt und können sich zum Beispiel den Luxus eines eigenen Bettes für jede Person oder gar mehr als zwei Zimmer mit Küche überhaupt nicht vorstellen.
Zeitsprung: Drei Generationen später
Berichte von Nachgeborenen: Die Zulassung zum „Brotbrechen“
Christa Maria S.,*1932, Kusine eines Ururenkels Ludwigs, am 18.3.1977 über ihre Tante Martha H., *
Die Prüfung für Marthchen und Grete B. fiel höchst unerfreulich aus. Dein Großvater Birkenstock ermahnte Opa Hohage, dafür Sorge zu tragen, dass ein gewisser Walter H. nicht immer hinter dem Mädchen herliefe. Opa Hohage konterte, dieser junge Mann sei unerwünscht sowohl bei ihm als auch bei Tochter Martha - woraufhin Marthchen zugelassen wurde. Nicht so Tante Grete: Sie hatte zu jener Zeit ein „Verhältnis“ mit einem Menschen „aus der Welt“, und es ließen sich keine Entschuldigungen dafür finden.
Elisabeth S., *1908, Urenkelin Ludwigs, am 21.10.1986
Alle Brüder saßen rings um den Tisch. Onkel August Birkenstock war dabei, der ganz alte. Viele hatten Bärte. Ich alleine zwischen ihnen. Einer fragte, was für ein Bekehrungserlebnis ich gehabt hätte. Ich sagte, ich hätte keins gehabt. Da fragte der Bruder: „Wieso denn, glaubst du, bist du dann bekehrt?“ Ich antwortete Johannes 3, Vers 16: ‚Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe.‘ Also sei auch ich nicht verloren, da ich ja an ihn glaubte. Da haben sie mich zugelassen.
Obwohl es sicherlich auch in der neuen Heimat eine kleine Brockhaus-Gemeinde gibt, können die Neuen mit dieser nicht ohne weiteres die „rechte brüderliche Gemeinschaft und wahre Erbauung“ pflegen. Auch wenn Bruder Brockhaus für sie bürgt: Ihren Glauben prüfen müssen wir trotzdem, wie es die Regel verlangt. Vermutlich ist das in diesem Falle aber kein strenges Examen, sodass die Breckerfelder Birkenstocks schon am ersten Sonntag am Bortbrechen teilnehmen dürfen.
Es ist zweifelhaft, dass Bruder Brockhaus seinem Bruder Birkenstock reinen Wein über die wirtschaftliche Lage von dessen neuem Arbeitgeber eingeschenkt hat. Die so genannte Fabrik hat nämlich bei zig Gläubigern Schulden über Schulden und stolpert am Rande des Bankrotts. Sie lebt sozusagen nur vom Gottvertrauen des Besitzers. Und obwohl der reichlich davon hat: Das hülfe nicht, würde es nicht ständig durch harte Taler von außerhalb unterfüttert.
Von wem einige Tausend dieser Unterfütterung stammen, hat Bruder Brockhaus wohl erst recht nicht erzählt: von ihm persönlich.
Schließlich: Welch ärgerliche Missverständnisse könnten daraus erwachsen, wenn ein schlichter Fabrikarbeiter das erfährt: Carl Brockhaus, von dem seine Anhänger mit Ergriffenheit erzählen, er und die Seinen seien mehrmals nur durch wunderbare Gebetserhörungen vor dem Hungertode bewahrt geblieben62), hat Tausende Taler übrig für eine Industriebeteiligung! Nicht auszudenken das Gerede der „Brüder“ und „Schwestern“, wenn dann auch noch ‘rauskäme, dass er just in diesem Jahr in Elberfeld ein zweites Haus auf einem großen Grundstück mit Garten gebaut hat!
Und was sollte Ludwig wohl denken, wenn er hört, dass Carl Brockhaus nach und nach mehr „übriges“ Geld in die Fabrik seines Bruders gepumpt hat, als er, Ludwig, in einem Jahrzehnt verdient! Gut möglich, dass der sogar noch viel länger als zehn Jahre dafür schuften müsste, denn allein 1869 steckt Bruder Brockhaus dreieinhalbtausend Taler in das Geschäft, und wenn der Birkenstock viel verdient, sind es fünf Taler pro Woche. Er kriegt wohl eher weniger, denn ein Kückelheimer Fabrikbesitzer am Abgrund zahlt keine Spitzenlöhne wie zum Beispiel eine Weltfirma in Elberfeld.

Aus der letzten Seite des Vertrages vom 1.7.1869 mit den Unterschriften von Firmeninhaber und Kommanditisten. Carl Brockhaus und sein Schwa-ger, der Elberfelder Fabrikbesitzer Julius Löwen, versprachen, jeder 3.500 Thaler einzuschießen.
Auf Lohnerhöhung hofft Ludwig vergeblich: Als am Ende des Jahres seiner Ankunft die erste ordnungsgemäße Bilanz erstellt wird, bleiben trotz 10557 Talern gepumpten Geldes unterm Strich mehr als 2000 Verlust.
Im nächsten Jahr wird die Geschäftslage so dramatisch, dass Carl Brockhaus um seine Einlage fürchten muss. Deshalb entsendet er eine Art Geschäftsführer nach Kückelheim, der den Laden in Schwung bringen („den Fabrikbesitzer entlasten“) soll: seinen Sohn Ernst.
Da könnte der Ludwig Birkenstock sich krumm arbeiten: Bis aus Kückelheim Kanaan wird, ist längst eine Nummer aus der neuen „Sammlung geistlicher Lieder“ über seiner Gruft gesungen worden. Auch mit dem Werkmeister-Traum ist es spätestens vorbei, als er im August ‘66 sein erstes Kückelheimer Kind anmeldet, die kleine Emilie. In Plettenberg kennt man die Firma Brockhaus und ihre Arbeiter, und der Schreiber ordnet den Zuwanderer als das ein, was er ist: „Fabr.Arb.“.
Am schlimmsten aber ist: Auf den neuen Kindern, die unerbittlich aufeinander folgen, scheint kein Segen zu liegen. Vier in vier Jahren ringt sich Caroline ab. Der kleine Fritz stirbt nach wenigen Monaten an „Krämpfen“, Emma, als sie gerade laufen kann, an „Verbrennungen“. Wahrlich: Des Herrn prüfende Hand lastet schwer auf den Birkenstocks.
Die Jahre in Kückelheim müssen unterm Strich eine große Enttäuschung gewesen sein. So hat er wohl den Traum von seinem Kanaan neu geträumt. Ob er wegkomplimentiert wird oder entlassen oder ob er kündigt, ist nicht mehr festzustellen. Jedenfalls verlässt er das Dorf und zieht samt seiner großen Familie nach Barmen, die Industriemetropole im Wuppertal mit ihren surrenden, hämmernden, dröhnenden Fabriken, mit Eisenbahn und Pferde-Straßenbahn, gepflasterten Straßen und Gasbeleuchtung.63 Auch, wenn sich einer nach vielen Gebeten von Gott geführt fühlt, ist es ihm ja nicht verwehrt, sich in ein besseres Land führen zu lassen.
In gläubigem Vertrauen auf die Gnade ihres Herrn bezieht die Familie zwei Zimmer in dem kleinen Arbeiterhaus in Oberbarmens Ziegelstraße Nummer 17,64 drei Minuten vom unratbeladenen Ufer des Stinkeflusses Wupper entfernt. Nur die unterste Klasse hält diese Gegend für bewohnbar. „Wochenlang, bei trockener Jahreszeit monatelang, sammeln sich die Schmutzwasser im Wupperbette und verbreiten zeitweise wahrhaft schauderhafte Miasmen“, schreibt ein Zeitgenosse. „Jedes Hochwasser führt dann Tausende von Tonnen der stinkenden, faulenden Massen auf die niedrig gelegenen Seiten-gelände des Flusses, wo sie weiter faulend die Luft verpesten und wo ihre Rückstände dicke Anschwemmungen bilden.“65
Alle Abwässer der nach heutigen Maßstäben unbewohnbaren Häuser sickern in die träge fließende, chemiebunt schillernde Kloake, die einst der Wupperfluss war.
Entsprechend ist es mit dem Trinkwasser in der Ziegelstraße bestellt. Eine zentrale Wasserversorgung gibt es in Oberbarmen noch nicht.

Industriestadt Barmen an der Wupper um die Jahrhundertwende
Jedes Haus hat seinen eigenen Brunnen. Aber die Wupper verseucht das Grundwasser derart, dass aus den Wasserlöchern oft nur „tief dunkelbraun gefärbte wässrige Brühen“ quellen.
Ungezählte Wohnungen müssten eigentlich „aus sanitätspolizeilichen Rücksichten cassirt werden“, schreibt 1862 der Missionsinspektor Fabri in seinem Gutachten zu den Wohnverhältnissen „des Wupperthals“.66 Selbst in akzeptablen Arbeiterwohnungen herrscht eine unvorstellbare Enge: „Die Arbeiterfamilie besaß meistens zwei Zimmer, eine Wohnküche und ein Schlafzimmer...,“67 sodass Kinder in Dreierpackungen „über Eck“ schliefen – natürlich zusammen mit den Eltern.
Wer es sich nur eben leisten kann, meidet unbedingt eine Behausung in Wuppernähe. Ludwig Birkenstock kann es sich nicht leisten. In der Stadt herrscht ein dramatischer Wohnungsmangel. Jedes Jahr zur Zeit des Wohnungswechsels am ersten Mai ziehen Hunderte und Tausende Menschen auf der Suche nach einem Dach überm Kopf durch die Gassen. Die Birkenstocks haben allen Grund, täglich von neuem ihrem gnädigen Herrn zu danken, dass sie überhaupt untergekommen sind.
Das Haus gehört einem gewissen Friedrich Heinemann - wie fünf andere auch. Von dem Mann darf man wohl annehmen, dass er der „Versammlung“ mindestens nahe steht oder dem Carl Brockhaus oder seinem Schwager geschäftlich verbunden ist. Insgesamt kassiert er Mietzins von 37 Parteien. Weiß man, dass die Häuser in der Ziegelstraße durchweg zweigeschossig sind, hat man eine Vorstellung davon, wie eng aufeinander die Menschen hausen.
Eine Auflistung der Berufe ergibt denn auch das Bild einer Arme-Leute-Wohngegend, wie es angesichts der Wuppernähe zu erwarten ist. Zwölf Familienvorstände sind Fabrikarbeiter, die anderen Straßenbahn-Wagenführer bei der Pferdebahn, Tagelöhner, Fuhrmann, Bandwirker- oder Schuhmachergeselle oder Buchbindergehilfe. Am ärmsten dürften die vier Witwen sein, denn da die Bismarck‘sche Rentenversicherung noch nicht eingeführt ist, leben sie von Verwandten oder der städtischen Armenfürsorge.
Der zwölfte Fabrikarbeiter ist nun Ludwig Birkenstock mit seiner Familie. Er braucht Wohnküche und möglichst zwei Schlafräume für sich, seine Frau, den achtzehnjährigen Gustav und fünf weitere Kinder zwischen zehn Jahren und einem Jahr. Ob er die zur Verfügung hat, ist zweifelhaft. Familie Birkenstock ist mitten hinein gekommen in eine boomende Konjunktur. Nach dem Sieg der Deutschen über die Franzosen muss Frankreich Reparationsgelder in phantastischer Höhe zahlen; die kommen keiner Region im Reich mehr zugute als dem Wuppertal, denn die starke Konkurrenz der französischen Textilindustrie ist für Jahre ausgeschaltet.68
Zwar wird den Ludwig nun niemand mehr„Werkmeister“ nennen, in allen Melderegistern ist er einfacher „Fabrikarbeiter“; seiner Familie geht es aber besser als auf dem Dorf.
Das „zum Unterhalte unbedingt Nothwendige“ für die Birkenstocks beträgt 109 Silbergroschen, das sind drei Taler neunzehn. Gerechnet von der städtischen Armenverwaltung. (Aber man weiß ja, wie diese Leute rechnen. Drei Taler neunzehn reichen wirklich nur, um in ärmlichsten Verhältnissen in unbewohnbaren Räumen zu hausen, ohne Hungers zu sterben.)69
Angesichts der Tatsache, dass Ludwig Birkenstock die fünfzig bereits hinter sich hat, dürfte sein Wochenlohn unter günstigsten Bedingungen kaum mehr als vier Taler betragen. Damit könnte die Familie also notfalls überleben.
Der Lohn des Familienoberhaupts allein macht aber nicht den wichtigsten Unterschied zu Kückelheim aus. Die Textilindustrie Barmens bietet einen entscheidenden Vorteil: Fünf arbeitsfähige Kinder von der fünfjährigen Emilia bis zum achtzehnjährigen Gustav können zum Unterhalt so entscheidend beitragen, dass die Familie erheblich über dem durch den Vater gegebenen Status lebt.
Zum Lumpenproletariat zählen die Birkenstocks damit keinesfalls. Dem geht es sehr viel schlechter. Andererseits ist Ludwigs Existenz zu unsicher, als dass man ihn und die Seinen dauerhaft dem „Stand der kleinen Leute“ zurechnen könnte. Sollte die Hand des Herrn wieder einmal schwer auf ihm lasten, etwa durch eine längere Krankheit, eine jederzeit mögliche Kündigung oder einen Unfall in der Fabrik, können er und die Seinen binnen weniger Wochen in die unterste Schicht absinken.
Eine Krankenversicherung gibt‘s noch nicht; wer nicht arbeitet, kriegt auch kein Geld.
Noch wichtiger als wirtschaftliche Erwägungen für den Umzug könnte die Sorge für die Kinder gewesen sein. Die haben in Barmen unvergleichlich bessere Chancen voranzukommen, als in jenem sauerländischen Dorf. Unter den jungen Leuten der Großstadt wächst nämlich eine Schicht gelernter Arbeiter und Handwerker heran. Vielleicht gehört auch das zu Ludwigs Traum vom neuen Kanaan: Dass seine Kinder eine ordentliche Handwerkerlehre machen und vielleicht sogar mal Meisterprüfungen ablegen, wie das seinem Wilhelm in Elberfeld mit der Schuhmacherei bereits in der Kückelheimer Zeit gelungen ist.
Über allen Überlegungen des Ludwig aber steht diese: Sein Herr hat ihn in die Ziegelstraße geführt wie einst den Abram ins gelobte Land. „Deinem Samen“, versprach damals Gott, „gebe ich dieses Land, vom Strome Ägyptens bis an den großen Strom.“ Das Tal der Wupper ist für Ludwig das Land, das ihm und seinen wimmelnden Samen verheißen wurde (und tatsächlich werden es seine Nachkommen von Generation zu Generation dichter bevölkern).
Welch eine Gnade: Jeden Sonntag marschiert jetzt eine große Birkenstock-Schar in die anderthalb Wegstunden entfernte Elberfelder „Versammlung“, voran Ludwig in seinem bei den Arbeitern üblichen schwarzen Tuchmantel mit Samtkragen,70 neben ihm seine Caroline, dahinter erwachsene Söhne mit ihren Frauen, am Ende des Zuges Ludwigs Kinder und Enkel, viele annähernd gleich alt, die anschließend die „Sonntagsschule“ besuchen werden. Hier werden „Sonntagsschullehrer“ darauf hinarbeiten, dass sie sich bekehren.
Ab 1874 können sie sogar die neue Pferdebahn nehmen - falls sie das Geld übrig haben. Ludwig und seine Caroline sind endlich wieder dem nahe, der sie vor der ewigen Folter gerettet hat: Carl Brockhaus.
Der sitzt nun im Zentrum seines rasant wachsenden Imperiums, er, der ehemalige Dritte Lehrer Breckerfelds, Erste Lehrer vom Neuen-teich, Schriftführer dreier Vereine und freischaffende Missionar: „Bruder“ Brockhaus, erfolgreicher Kaufmann und ungewähltes Oberhaupt der Brüderbewegung. Inzwischen ist er fünfzehnfacher Vater.
Zeitsprung: Vier Generationen später
Berichte von Nachgeborenen: „Bekehrungen“ (3)
Gisela H., *1944, Ururenkelin Ludwigs, schriftliche Mitteilung im Januar 1995:
Als ich Kind war, bedrängte mich Hildegard G. aus der Christlichen Buchhandlung so sehr, dass ich ein wunderschönes Bekehrungs-erlebnis erfand, so glaubwürdig, dass sie es mir abnahm und mich als Eingeweihte in ihre Arme schloss. Leider habe ich dieses Gedankenkonstrukt vergessen.
Spenden für das Werk des Herrn nimmt er immer noch gern an, aber privat ist er weniger denn je darauf angewiesen, denn er ist ein wohlhabender Mann, und sein Verlag schreibt Jahr für Jahr fette schwarze Zahlen.
Hauptamtliche „Kolporteure“ verlassen das Gebäude mit Zentnern der schwarzen Bücher, „bedienen“ damit und mit geistlicher Fürsorge die von Carl erpredigten Gemeinden im ganzen Reich, lassen sich dafür mit Wurst und Schinken versorgen und mit Bargeld ausstatten und kommen nach ein paar Wochen mit den Abrechnungen der verkauften Bücher zurück.
Im Wuppertal erleben die Birkenstocks die Sicherheit in einem wie durch hohe Mauern geschützten Reservat mit „Brüdern“ und „Schwestern“. Draußen braust und tobt die „Welt“, drinnen bestimmt selbstsichere Geborgenheit in der Schar von Gleichgesinnten das Leben der Brüderbewegung.
Sie alle entsagen selbstverständlich der „Welt“ und ihrem Treiben. Undenkbar, dass ein Bruder eine Tanzveranstaltung besuchte. Nie wird einer im Theater gesichtet werden. Keiner flirtet oder unterhält auch nur freundschaftliche Beziehungen zu einem weiblichen Wesen. Interesse an Kultur und Politik gibt es nur bei denen, die noch nicht weit genug fortgeschritten sind.
Von Goethe, Schiller und Storm bis Coopers Lederstrumpf und Karl May – allesamt „Welt“. Sie zu lesen wäre Sünde. Niemand hat andere als die vereinseigene erbauliche Lektüre aus dem Brockhaus-Verlag. Die meisten dieser schwarz gebundenen Bändchen mit Goldschnitt nennen ihren Autor nicht. (Ruhm gebührt einzig Gott.) Eine Ausnahme ist nur beim großen Darby. Rund zwanzig seiner Titel hat Brockhaus in der Reihe „Be-trachtungen“ gedruckt, und seine „Kolporteure“ vertreiben sie im ganzen Reich vom Elsass bis nach Ostpreußen.

Haus des Carl Brockhaus in Elberfeld.
Vorn links Ludwigs Erstgeborener Wilhelm, ursprünglich Schuhmachermeister, später ganz in Diensten des Carl Brockhaus und seiner Brüder-bewegung
Zeitsprung: Drei und vier Generationen später
Berichte von Nachgeborenen:
Was bei der Brüderbewegung „Welt“ ist (1)
Annette T., * 1947, Ururenkelin Ludwigs, im Januar 1995
Zu der Zeit hatte ich eine Freundschaft mit einem gleichaltrigen jungen Mann „aus der Welt“. Wir gingen zur selben Schule; er war meine „erste Liebe“, natürlich in aller Unschuld, wie mein Alter - ich war fünfzehn Jahre alt - und meine strenge Erziehung es geboten. Ich war noch nicht „aufgeklärt“; das Thema war tabu.
An einem frühen Herbstabend - es war aber schon dunkel - brachte er mich bis kurz vor unser Haus; bis ganz nach Hause wagte ich es nicht aus Angst vor meinem Vater. Plötzlich stand Mami vor mir. Ich hatte nichts Unrechtes getan, außer dass ich ihr das Treffen verschwiegen hatte. Ihre Worte trafen mich entsetzlich hart. Sie sagte, sie könne nicht verstehen, wie ich mich mit dem Jungen treffen könne, da ich mich doch für den Herrn Jesus entschieden hätte! Total verwirrt und verzweifelt setzte sich bei mir ein Gedanke fest: Wenn das Sünde ist, wenn Jesus mir das verbietet, wie soll dann mein Leben in seiner Nachfolge aussehen?
Es gab keine freundschaftlichen Kontakte zur „Welt“. Wenn sonntags Besuch kam, waren das immer „Geschwister“ aus der Versammlung oder Verwandte. Ehemann und Ehefrau suchte man sich selbstverständlich in Versammlungskreisen.
Reinhold S., *1903, Schwager einer Urenkelin Ludwigs, im Oktober 1975
Während der Großvater bei uns im Haus lebte, hat er mir mal, als ich Karl May las, dieses Buch weggenommen und mir ins Gewissen geredet, dass sich eine solche Lektüre für einen jungen Christen einfach nicht gehöre.
Als ich das meinem Vater erzählte, ging der in das Zimmer von „Oppa Sch...“ und forderte ihn auf, das Buch an mich zurückzugeben.
Der Großvater gab mir das Buch, konnte sich aber nicht verkneifen zu sagen: „Reinhold, Reinhold, das nimmt kein gutes Ende mit dir!“
„Betrachtungen über das 4. Buch Mose, Pappband mit vergoldetem Rückentitel, zwei Mark“; „Betrachtungen über den ersten Brief an die Korinther, 50 Pfennige“ ...
Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert? Dienen nicht dem Ruhme des Herrn, kitzeln nur die Ohren. Wir singen unsere selbst gemachten Lieder: „Zu deinem Tisch sind wir geladen“, „Hin zu Jesu möcht’ ich eilen“ und „Auf dem Lamm ruht meine Seele“71
Undenkbar, dass sich eine „Schwester“ schminkt, die Haare färbt, mit nackten statt schwarz bestrumpften Beinen ginge oder ein Kollier um den Hals hängte. Darby hat bestimmt: „We abstain from the pleasures and amusements oft the world.“
In dem großen Versammlungsraum des Brockhaus‘schen Anwesens in der Baustraße erleben die Birkenstocks die rigorose Sicherheit des John Nelson Darby: Hier, in „dieser einzigartigen Versammlung mit all ihren gottgegebenen Privilegien“ (Bister), gibt es die Gewissheit des ewigen Heils. Und nur hier. Denn Unwürdige aus der „Welt“, die die schöne Sicherheit in Frage stellen könnten, finden sich unter den Versammelten nicht. Alle sind geheiligt. Wer auch nur einen Fußbreit abwich von der einzig wahren Lehre, an dem wurde längst Darbys separation from evil vollzogen, und wer es in Zukunft tut, der wird ebenfalls hinweggetan werden.
Auch wenn der große Brockhaus nur noch selten persönlich an einem Sonntag anwesend ist, weil er in Missionssachen reist: Seine Gemeinde hat genügend Männer in den ersten Bankreihen, die über die der Regeln wachen, kleine Abweichungen im Lebenswandel augenblicklich mit brüderlichem Ernst rügen und größere mit dem Rausschmiss ahnden. Selten gibt es bei Frauen Beanstandungen. Dann wird der Hausherr ermahnt, für Ordnung zu sorgen. Immer wieder aber sind Reklamationen besonders beim Jungvolk erforderlich. Nie werden die mit beiden Eltern beredet. Zuständig ist immer nur der Mann, das Oberhaupt der Familie, „der seinem Hause vorsteht“ und „gehorsame Kinder mit aller Ehrbarkeit“72 haben soll. Alle Männer erkennen den Grundsatz an: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.“73 Und alle nehmen – mit Demut oder Zähneknirschen - die Wächterfunktion derer hin, die Sonntag für Sonntag neben ihnen sitzen. Im Gegenzug sind sie ja auch deren Aufpasser.
Achthaber der Brüderbewegung kommen prinzipiell unangemeldet, immer zu mehreren, beginnen selbstverständlich mit einem gemeinsamen intensiven Gebet und haben das Recht, das Innere der Wohnung zu inspizieren. „Nicht schriftgemäße Bilder“ an der Wand, gar Bücher „aus der Welt“, erst recht heidnische Symbole wie Adventskranz und Weihnachtsbaum, unziemlich gekleidete Mädchen.
Zeitsprung: Drei und vier Generationen später
Berichte von Nachgeborenen: Wie die Brüder „acht aufeinander“ haben (1)
Hanna K., *1909, Urenkelin Ludwigs, und ihr Ehemann Willy K., *1908, am 23.7.1975
Hanna: Unsere Eltern haben die „Versammlung“ gefürchtet wegen des Alters ihrer Töchter..
Willy: Die Meinung der „Brüder“ haben sie gefürchtet.
Hanna: Da wurde darauf geachtet, dass die Mädchen lange Kleider, schwarze Strümpfe, lange Ärmel trugen.
Frage: Und dieser Mechanismus funktionierte?
Willy: Das klappte vorzüglich. Man konnte kaum einen Schritt unbeobachtet tun.
Gisela H., *1944, Ururenkelin Ludwigs, im Mai 2001
Die Gebetsgemeinschaft in der „Versammlung“ (das nannte sich „vor Gott bringen“) wurde dazu missbraucht, das zu sagen, was man dem „Bruder“ nicht von Angesicht zu Angesicht sagen wollte. Das konnte etwa so aussehen: „Gott, hilf du dem Bruder wieder auf den rechten Weg, zeig du ihm doch, wie er seine Kinder in der rechten Weise erzieht...“
Dank dieser rabiat bewachten Einzigartigkeit sitzen die Birkenstocks Sonntag für Sonntag in beseligender Sicherheit, schlürfen schwer atmend den Wein, krümeln das durch die Reihen wandernde Brot, durchschauert von dem Bewusstsein: Unsichtbar, irgendwo unter uns, sitzt unser Herr persönlich, wie er es einst versprochen hat in Matthäus 18 Vers 20. Nicht bei den Lutheranern ist er, deren Glocken so aggressiv läuten, nicht bei den alteingesessenen Reformierten, erst recht nicht bei den Katholiken, auch nicht bei all den sonderbaren Käuzen, die in Sektenglauben gefangen sind, sondern nur hier, bei uns. Wenn man sich das mal richtig klarmacht: Der Herr Jesus sitzt vielleicht unsichtbar neben mir, dann könnte man stöhnen vor Glück und Ergriffenheit.
Gewaltig schallt der vierstimmige Chor der mehr als hundert Menschen:
Mein Erbarmer lässt mich nicht,
das ist meine Zuversicht!
Jetzt endlich, rund ein Dutzend Jahre nach seiner Bekehrung, ist der Ludwig im Zentrum des Heils und der Radikalität angelangt. Hier wird er endgültig eins mit dem Geist jenes Engländers, den er vermutlich nie persönlich sah: John Nelson Darby. Mit tiefer Freude taucht er ein in dessen abgeschottete eigene Welt der Brüderbewegung. Die andere „draußen“ interessiert ihn nicht.
Und fast alle, die Ludwig gezeugt hat, verschmelzen zugleich mit ihm, und immer von neuem werden Nachkommen der Nachkommen verschmelzen bis ins letzte Glied in fernen Jahrhunderten (falls vorher nicht der Herr auf die Erde zurückkehrt). Und sie werden ihre Sicherheit ziehen aus dem System des Aufeinander-Aufpassens, Reglementierens und Ausschließens, und sie werden daran teilhaben, auf dass niemand ihnen ihre künftige Seligkeit raube: Die Angst brachte sie einst unter das Joch des John Nelson Darby, und nun sorgt sie dafür, dass sie darin auch bleiben.
Carl Brockhaus aber, der die Darbysche Wahrheit garantiert, ist allzu oft nicht anwesend. Unermüdlich ist er unterwegs: vom Ruhrgebiet bis Württemberg, von Ostpreußen bis Bayern, vom Elsass bis nach Holland, sogar in Holland und Belgien. Überall entstehen seine Gemeinden. Ungläubige erreicht er kaum. Die Falschgläubigen sind es. Eine christliche Glaubensrichtung außerhalb der großen „Volkskirchen“, in der Carl Brockhaus nicht wilderte, gibt es nicht. Besonders große Lücken reißt er in die Reihen der Baptisten. Die stellen ihm in ihrer Naivität oft sogar ihre eigenen Räume zur Verfügung und merken zu spät, dass er ihre Gemeinden aussaugt und nur die Hülle übrig lässt. Aus Breslau schreibt Brockhaus in triumphierender Dankbarkeit, „daß die dortige Baptistengemeinde nach und nach ganz aufhö-ren wird und die Aufrichtigen unter ihnen sich zu den Brüdern halten werden.“74 Bei den Methodisten in Dillenburg eist er so viele Gläubige los, dass „man meint, daß ihre Kapelle bald ganz verwaist sein werde“75 und der Prediger jammert, weil er kein Geld mehr kriegt.
Im Jahre 1877 wird dem Ludwig Birkenstock das sechzehnte Kind geboren: Rudolf. Sein Mentor hat es nur auf 13 gebracht.
Die Caroline ist inzwischen fast 46 Jahre alt. Vier Kinder hat sie von ihrer Vorgängerin übernommen. Neun hat sie selbst geboren, vier von ihnen sind gestorben. Ihr ganzes Eheleben lang ist sie schwanger gewesen oder hat einen Säugling gehabt, oft beides zugleich, und wenn sie einmal nicht zusätzlich zu Fötus und Säugling mehrere Kleinkinder hatte, dann nur, weil ihr das eine oder andere gestorben war. Wie sie aussah, ist nicht überliefert. Fotos gibt es nur von ihm. Aber es dürfte kein Zweifel sein, dass Ingeborg Weber-Kellermanns Beschreibung auch auf sie zutrifft: „Vor der Zeit verblüht und gealtert, überflutet von Arbeit, Kindersorgen und Krankheit...“76
Der allmächtige Gott hat befohlen: „Seid fruchtbar und mehret euch!“ Das gilt für Gläubige wie Ungläubige gleichermaßen. Eine Mengen-Obergrenze hat er nicht gesetzt. Die Kinder Gottes, hat Ludwig von seinem Erretter gelernt, dürfen ihren Zeugungserfolg sogar mit anderen Augen sehen - jedenfalls die Männer. Am Kindersegen ist nämlich die Gottesfurcht des Erzeugers abzulesen. Wenn die Frau „gleich einem fruchtbaren Weinstock“ ist und möglichst viele Kinder, am liebsten Söhne, um den häuslichen Tisch sich drängeln, dann ist das ein Zeichen dafür, dass der Erzeuger „Jehova fürchtet“. Wörtlich: „Die Leibesfrucht ist eine Belohnung“ für den gottgefälligen Lebenswandel des Erzeugers, wie geschrieben steht in Psalm 127, Vers 3.
Dass viele Frauen für die Belohnung des Mannes mit ihrem Leben bezahlen, lässt sich nicht bestreiten, aber das hat Gott natürlich bedacht, als er seinen Befehl ausgab. So bleibt die erfreuliche Tatsache, dass es sich hier um einen immer von neuem mit Lust zu befolgenden Befehl handelt.
Weil nach Überzeugung der Brüderbewegung auch wirtschaftliches Wohlergehen und familiäre Eintracht Zeichen von Gottes Gnade sind, die bevorzugt Gläubigen zuteil wird (wenn Gott sie nicht gerade „prüft“), darf Ludwig seine Barmer Jahre in vollen Zügen genießen. Als er sich einst den linken Kämpfern verweigerte und es vorzog, all seine Hoffnung aufs Jenseits zu setzen, konnte er nicht ahnen, dass er dennoch auch hienieden schon so viel Glück würde erleben dürfen. (Aber nie würde er es „Glück“ nennen. Gottes Gnade ist kein Glück.)
Reich hat ihn der Herr gesegnet. Als er endlich nicht mehr „auf Arbeit“ in die Fabrik muss, ist er 67 Jahre alt und erfährt am Ersten jeden Monats den Segen der kürzlich eingeführten Rentenversicherung. Vier seiner Söhne hat er so nahe um sich, dass alle in einer Viertelstunde bei ihm sein können. Sie haben anständige Handwerksberufe: Maler und Anstreicher, Schuhmachermeister, Färbermeister, Klempnermeister. Emilies Nähmaschine rattert gar im Wohnhaus der Eltern: Ziegelstraße 17. Nur der Verbleib des Jüngsten ist aus den alten Büchern nicht ersichtlich. Doch gemach: Im Mai 1901 wird er in Barmen heiraten. Das Wichtigste aber ist: Alle Birkenstock- Jungen sind bekehrt. Auch ihre Ehepartner stammen aus der Versammlung. So ist gewährleistet, dass auch die nächste Generation bekehrt werden kann. Falls es mit einigen Töchtern nicht so recht geklappt hat, muss das den Alten über alle Maßen bedrücken, denn dann sieht er sie auf direktem Weg ins ewige Verderben.
Im späten Sommer des Jahres 1901 geht er zu seinen Vätern ein. Ludwig Birkenstock, 78 Jahre alt, Sohn des Webers Jacob Birkenstock und der Anna Wilhelmina Dahmer aus Breckerfeld, Ehemann zweier Frauen und Erzeuger von sechzehn Kindern, Bruder im HErrn, ist „heimgegangen“. Da liegt er aufgebahrt in einem der beiden ärmlichen Zimmer, die er vor drei Jahrzehnten mietete. „Deinem Samen gebe ich dieses Land, vom Strome Ägyptens bis an den großen Strom“. So wurde auch Ludwig Birkenstock in sein gelobtes Land geführt, und sein Same wird sich ausbreiten am Wupperstrom, wie ihm verheißen wurde.
Sohn Fritz meldet den Tod des Alten auf dem Standesamt. Er wohnt am nächsten: in der Ziegelstraße schräg gegenüber. Bei der Frage nach den Eltern seines Vaters muss er passen. Er kennt ihre Namen nicht. Vom Weber-Großvater hat er nie gehört.

So gründlich hat der Ludwig seine Vergangenheit hinter sich gelassen, dass der Fritz nicht einmal von Breckerfeld mehr etwas weiß.
Der Patriarch wird nach Art der Brüderbewegung begraben werden. Seine Söhne werden den Sarg in die Erde Kanaans senken. Ein „dienender Bruder“ wird über der Gruft das sprechen, was immer gesprochen wird und was etwa zu Brockhaus‘ Beerdigung gesagt wurde: „Bald wird die Posaune Gottes ertönen, und ihr Schall wird in alle Gräber der Heiligen hineindringen“, auch zu unserem Bruder Ludwig Birkenstock. Er wird auferstehen von den Toten, und er wird seinen Herrn schauen von Ewigkeit zu Ewigkeit.“
Und dann wird machtvoll der vierstimmige Gesang in Oberbarmens September-Himmel brausen:
„Stark ist meines Jesu Hand,
und er wird mich ewig fassen;
hat zu viel an mich gewandt,
um mich wieder loszulassen.
Mein Erbarmer lässt mich nicht,
das ist meine Zuversicht.“
Erstes Buch
Teil 1: Ludwig, Carl und Mister Darby
Teil 2: Der wiedergeborene Ludwig
Zweites Buch
Adolf Birkenstocks Ungehorsam
51 Botschafter des Heils in Christo, 1899, S. 85 ff.
52 Erster Brief des Paulus an seine Gemeinde in Korinth: 1. Korinther 11.7
53 1. Korinther 11.10
54 u.a. Evangelium des Lukas, 7.38
55 Erster Brief des Paulus an Timotheus 2.9
56 Ünlüdag, Kap. Quelle 29, S. 208
57 Während die Ämter Eltern und alle anderen Geschwister als „dissidentisch“ führen, geben sie bei den drei Mädchen als Konfession stets „ev.“ an.
58 Brockhaus, Walther
59 So nennt er seinen Vater anlässlich seiner standesamtlichen Trauung.
60 Köllmann, Seite 147
61 Firmenchronik
62 Die Mär, er und seine Familie hätten „quasi auf Spendenbasis“ gelebt, wird unverdrossen auch heute noch verbreitet, sogar mit dem Siegel von Wissenschaft: Gerlach Seite 93
63 Beek, Seite 56
64 Alle Angaben zum Haus nach
65 Aus Elisabeth Gottheiners Forschungsbericht von 1903, zitiert bei Köllmann Seite 143
66 ... zitiert bei Ünlüdag, S. 223
67 Köllmann, Seite 46
68 Hoth, Seite 193
69 Nach den Sätzen der Städt. Armenverwaltung im benachbarten Elberfeld sind für eine Familie der „arbeitenden Klasse“ pro Woche „unbedingt nothwendig“ 25 Sgr. für das Familienoberhaupt, 19 für die Ehefrau, 17 für ein Kind ab 15 Jahren, 15 für jedes Kind zwischen 190 und 15 Jahren, 11 für Kinder zwischen 5 und 10 Jahren. Unterhalb dieser Sätze muss die städtische Armenverwaltung einschreiten. (1 Taler = 30 Silbergroschen) Aus: Unlüdag, Seite 208
70 Köllmann, Seite 147: Typische Sonntagskleidung bei Arbeitern im Wuppertal
71 Nummern 132, 133 und 78 in der „Kleinen Sammlung geistlicher Lieder, Verlag Brockhaus, Elberfeld 1898
72 1. Brief an den Timotheus, 3.4
73 Josua 24.15
74 Eylenstein, Seite 289
75 a.a.O.
76 S. 140 f.
Erstes Buch
Teil 1: Ludwig, Carl und Mister Darby
Teil 2: Der wiedergeborene Ludwig
Zweites Buch
Adolf Birkenstocks Ungehorsam