Freikirchliche Brüderbewegung: Wie es zur religiösen Knechtung meiner Sippe kam

Die folgenreiche Errettung des Ludwig B.

Erstes Buch
Teil 1: Ludwig, Carl und Mister Darby
Teil 2: Der wiedergeborene Ludwig

Zweites Buch
Adolf Birkenstocks Ungehorsam

Erstes Buch (erster Teil)
Ludwig, Carl und Mister Darby

Die Stadt Breckerfeld

Ihr werdet ihre Namen in alten Büchern kaum finden. Das liegt nicht nur daran, dass die ganze Stadt 1727 abbrannte und das danach aufgebaute Stadtarchiv vor einem halben Jahrhundert durch Feuer vernichtet wurde. Auch in den erhalten gebliebenen Papieren der Behörden kommen sie nicht vor. Unter ihnen gab es weder Vorsteher noch Meistbeerbte, weder Kirchmeister noch Kirchräthe. Sie schlossen keine schriftlichen Verträge, hinterließen keine Testamente und machten keine Eingaben bei der Regierung in Arnsberg oder Cleve. Die im Städtchen etwas galten, hießen Kreegeloh, Valefeld und Seiffarth, Hückinghaus, Karthaus und Kückelhaus. Aber nicht Birkenstock.
Die Birkenstocks hatten nicht mal das Bürgerrecht. Die waren bloß Einwohner. Gab es Streit, bei dem man Gesicht zeigen musste, duckten sie sich hinter ihren Webstühlen. Am Dauerzank um Brennholz beteiligten sie sich nicht. Sie froren lieber. Als ein lutherischer Prediger ihrer Gemeinde Unterschriften als Unterstützung gegen seine beiden Amtsbrüder sammelte, werdet ihr den Namen Birkenstock vergeblich suchen. Als die evangelischen Lutheraner den Evangelisch-Reformierten gewaltsam die Mitnutzung ihrer Kirche verwehrten, blieben sie hinter ihren Webstühlen, und jenes Kommando des Infanterie-Regiments von Schliewitz, das Ruhe und Ordnung wie-derherstellte, fand keinen Anlass, auch nur einen einzigen von ihnen in Arrest zu stecken.

Über das Leben eines dieser Menschen und Hunderte seiner Nachkommen erlangte ausgerechnet im fernen England Mister Darby die Herrschaft, ein vornehmer und reicher Herr aus der besten Gesellschaft. Er war ein Patensohn des berühmten Admirals Horatio Viscount Nelson, dessen Sieg bei Trafalgar in Britannien bis heute besungen wird, und zu Ehren dieses britischen Nationalhelden war Darby nicht nur auf den Namen John getauft worden, sondern hatte als zweiten Vornamen den seines Paten erhalten: Nelson.
John Nelson Darby erlangte mehr Macht über diesen Birkenstock als die Breckerfelder Stadtpolizei und selbst der preußische König. Er selbst empfand das gar nicht mal als lästig, weil er sich, ohne Zweifel an sich heranzulassen, bedingungslos unterwarf und sich dabei wohlfühlte. Enkel und Urenkel aber, die des Engländers rabiaten Herrschaftsanspruch nicht anerkannten, wurden seine Opfer.
Dabei kannte der Fremde keinen einzigen Menschen aus der ganzen Sippe; er hätte sich auch gar nicht verständlich machen können, denn sein Deutsch war dürftig, und die Birkenstocks sprachen nur Breckerfelder Mundart; schon mit Hochdeutsch hatten sie Mühe.
Dies ist die Geschichte des Ludwig B. und der Seinen, nach den Quellen aufgeschrieben, ohne etwas hinzuzutun oder wegzulassen:

Im Jahre 1826, als Herr Darby den ersten Schritt auf dem Weg zu seiner Herrschaft tut, spielt auf dem Kontinent im fernen Preußen ein schmuddeliger Dreijähriger im Straßenmodder der westfälischen Kleinstadt Breckerfeld im märkischen Sauerland. Der Kleine, Ludwig, wird als erster Birkenstock hörig werden, aber das ahnt noch niemand.
Zwei Birkenstock-Familien gibt es im Städtchen, eine arme und eine bettelarme.1
Die besser situierte ist Christophs. Sie besitzt ein Häuschen mit Hof auf etwa 16 x 10 Meter, klein genug, und wollte sie es vermieten (was sie natürlich nicht tun wird), würde sie kärgliche sechs Taler jährlich daraus ziehen.
Christophs armer Bruder ist Jacob. Der haust mit seiner Familie in einer winzigen Hütte der Steuerklasse acht, was die erbärmlichste ist, mit Hofplatz davor, alles zusammen vier Quadratruthen preußisch Maß groß, das sind sechs mal zehn Meter. Und der Mietwert beträgt gerade mal zwei Taler - pro Jahr.
Christophs Besitz umfasst drei Äcker, eine Wiese und zwei große Gärten, nach späterem Maß fast eindreiviertel Hektar, und der steuerbare jährliche Reinertrag beläuft sich auf 16 Taler.
Bruder Jacob besitzt nur zwei Gärten, und den steuerbaren Reinertrag hat die Regierung in Arnsberg auf weniger als ein Talerchen festgesetzt.
Christoph verschönert seine Unterschrift mit einem dickbäuchigen B und einer zierlichen Schleife beim k. Jacob krakelt drei ungelenke Kreuze.
In einem aber sind die Familien gleich: Sie sind Weber - nicht nur die Männer, sondern alle Familienmitglieder, die eine Hand bewegen können, wie das bei Webern nun mal unvermeidlich ist. Aber dann sind sie auch als Weber doch wieder ungleich, denn der Christoph hat rund um den Webstuhl auch etwas Platz zum Leben, und der Jacob hat keinen Platz. Das heißt: Irgendwo müssen ja ein Bett und ein Tisch gestanden haben, irgendwo in einem der beiden Zimmer muss es einen Winkel gegeben haben für Wohnen, Schlafen, Kochen und Essen, für Gebären und Sterben, Lieben und Röcheln bei Krankheit. Aber wo das in einer so winzigen Hütte gewesen sein könnte, ist heute nicht mehr vorstellbar, und die alten Kataster sagen dazu natürlich nichts.
Der kleine Ludwig, der da im „Straßenkoth“ spielt, hat Pech: Sein Vater ist der arme Jacob, schon jenseits der fünfzig. Auch seine Mutter ist mit 48 Jahren nach den Vorstellungen jener Zeit eine alte Frau2.
Zu sagen, Jacob Birkenstock und die Seinen im preußischen Breckerfeld hätten zu den „geringen Leuten“ gehört, träfe ihre Wirklichkeit nicht. Bodensatz der Gesellschaft waren sie, arme Schweine, stets am Rande des Hungers vegetierend.
Wenigstens besitzt Jacob die beiden Gärten. Zum Überleben reicht das natürlich nicht, erst recht nicht, weil seine Familie kein Vieh besitzt und deshalb außer Laub, Ofenruß, Mergel und ihrem eigenen Kot nichts zu düngen hat. Aber bei äußerster Bescheidenheit und intensiver Bewirtschaftung trägt das Land dazu bei, Hunger zu vermeiden.
Die Aussichten des kleinen Ludwig sind duster, umso mehr, als er in einem „kleinen, nahrungslosen Städtchen“ lebt, wie der „Westfälische Anzeiger“ einmal schrieb3. Immerhin ist im Jahr zuvor wenigstens einer der grundlosen Schlammwege zu einer halbwegs ordentlichen Straße ausgebaut worden, aber auch erst, nachdem Kaufleute die Stadt gemieden und lieber große Umwege in Kauf genommen hatten, als mit ihren Fuhrwerken in den Schlammfurchen dieser „todten Stadt“4 steckenzubleiben.

Breckerfelds rund sechshundert Einwohner gelten bei den Behörden wegen ihrer „eingeschränkten Denkungsart“ als wenig brauchbar.
Da ist es um die Denkungsart des jungen Darby5 anders bestellt, wie seine überragenden Universitäts-Examina ausweisen. Dafür hat er andere Probleme. Er ist Jurist, sogar Mitglied am irischen Gerichtshof. Nach allerlei seelischen Problemen ist er überzeugt, ein sündhafter und zu ewiger Verdammnis verurteilter Mensch zu sein und liest aus der Bibel die Erkenntnis, dass Christus ihn bereits gerettet hat - wenn er das nur akzeptiert.
Er stülpt sein Leben um und wird ein radikaler Christ, betet viel, fastet und gibt Almosen, wirft seinen gerade erst ergriffenen Beruf weg und wird Priester.
Seine Familie ist fassungslos. Aber John Nelson verweigert sich allen Vorstellungen mit sturer Selbstsicherheit. Als der Vater erfährt, dass sein Sohn mit struppig wucherndem Bart und verschlissenem Priesterrock durch die wilde Grafschaft Wicklow reitet, um seine Schäfchen zu betreuen, auch nicht im Traum daran denkt, sich zu besinnen, enterbt er ihn.
Das beeindruckt John Nelson nicht, wie er selbst später bekunden wird, „as an uncle left me something“6. Diese bescheidene Formulierung umschreibt ein beträchtliches Vermögen, das er bis zu seinem Tode nicht wird aufbrauchen können.
Wenn der Kleine Aussicht auf ein Erbe hat, so kann es sich allenfalls um einen Anteil an Hütte und Garten handeln, aber weil beide so wenig wert sind und vor ihm vier ältere Geschwister als Erben sich drängeln werden, sollte er Hoffnung sich gar nicht erst machen.
Natürlich ist auch - absurde Vorstellung! - an ein Studium nicht zu denken. Selbst, wenn Ludwig den Kopf und der Vater das Geld hätte: Es gibt weit und breit keine entsprechende Schule. Die Regierung hat verfügt, „die Beschaffenheit der Einwohner von Breckerfeld (mache) keine ... höhere Bürgerschule nöthig“7.
Jedoch eine Schule fürs Nötigste gibt es in der Stadt, dreiklassig und selbstverständlich lutherisch wie die weitaus meisten Einwohner8. Katechismus, Lesen, Schreiben und etwas Rechnen wird der Kleine also lernen können- falls er nicht zu oft die Schule schwänzen sollte, weil er beim Weben helfen muss.
Damit ist auch Ludwigs Lebensweg vorgezeichnet: Aus ihm wird „nichts werden“. Weber sind Hungerleider. Und sie sind im ganzen Land verschrien. Sie zählen zu den „unehrlichen Leuten“, was so viel wie „nicht ehrenwert“ meint. Man hält sie für unredlich und betrügerisch. (Heute ist nicht mehr feststellbar, ob diese pauschale Verdammung berechtigt war. Aber dass dieses Gewerbe mancherlei Möglichkeiten bot, sich den einen oder anderen Stüber unrechtmäßig anzueignen, leuchtet wohl ein. Welcher Kunde konnte schon beweisen, dass geliefertes Garn nicht vollständig zu Stoff verarbeitet worden war?) So galt, als es noch Zünfte gab, bei vielen als Bedingung für die Aufnahme eines neuen Mitglieds, dass es „ehrlich und redlich gezeuget und weder Spielmanns noch Leinewebers Kind“ sei9.

Dass John Nelson Darby ehrlich und redlich gezeugt wurde, gilt in seinen Kreisen als selbstverständlich. Umso schlimmer ist, was er aus dieser Mitgift macht. Es ist nicht bekannt, ob die Familie Darby über den nächsten Akt in der Entwicklung des jungen Priesters vorgewarnt wird oder ob sie die Kunde davon als Schock trifft. In jenem Jahre 1826 knallt der seinem Bischof eine Streitschrift gegen die Buhlschaft von Staat und Kirche und für den rechten Glauben aufs Schreibpult, die von polemischen und aggressiven Formulierungen nur so strotzt und die Seine Eminenz als Kampfansage verstehen muss und wohl auch soll. Diesen ätzenden Stil wird Mister Darby übrigens zur Vollkommenheit entwickeln, was seinen späteren Erfolg im Nachhinein doch etwas verwunderlich macht.

Während sich der Reverend Darby vom Revoluzzer zum Revolutionär entwickelt, wächst zwei Wochenreisen weiter der Ludwig Birkenstock in die Lebensweise der Väter hinein. Weber können nur überleben, wenn alle Familienglieder von morgens bis abends ins Geschäft eingespannt sind, auch die Kinder. Schon Fünfjährige werden aus Spulrad gesetzt, mit dem sie größere Garnrollen auf kleinere Spulen umspulen, die in den Webstuhl passen. Bleiben in Notzeiten die Aufträge aus, fällt die Familie der kommunalen Armenfürsorge zur Last - falls es die gibt. In Breckerfeld gibt‘s keine.
So verbringt Ludwig sein Leben als Kind und als Heranwachsender mit Arbeit, Arbeit, Arbeit, unterbrochen nur von jenen schrecklichen Zeiten, in denen es keine Arbeit gibt.
Es ist wohl verständlich, dass so ein armer Teufel die höchst seltenen Gelegenheiten nutzt, mit einem Zipfel an den Freuden des Lebens teilzuhaben. Dabei schwängert der achtzehnjährige Bursche die vier Jahre ältere Breckerfelder Comptoristen-Witwe10 Amalia Mesenhöller geborene Koch.

Zwischentext
Das Elend der Weber

„Die Familie fängt äußerst kümmerlich an, und ihr Leben wird noch kümmerlicher, wenn Kinder geboren werden. Sobald aber die Kinder alt genug sind zu spulen, bessert sich der Lebensstandard. ... - So schreibt zum Beispiel Thun über die ländlichen Weber ...: Erst wenn zwei bis drei Kinder am Webstuhl sitzen, können die Schulden getilgt und Ersparnisse gemacht werden; wenn die Familie oder die Geschwister zusammenbleiben und eine ordentliche Wirthschaft führen, so ist das die Periode, wo ein Eigenthum erspart werden kann. Es springt in die Augen, wie wichtig es für die Eltern ist, ihre Kinder so früh als möglich zum Verdienst zu bringen, denn lange bleiben sie doch nicht bei ihnen; die Söhne heirathen oft mit 22-23 Jahren ein Mädchen von 18-19 Jahren; beide verlassen ihre Eltern und überliefern sie sammt den jüngeren Geschwistern wiederum der Noth.“

(Jürgen Kuczynski, Band 3, S. 236 d)

Solches Luststreben mag für Heutige vielleicht deshalb weniger Schelte verdienen, weil sie meinen, unter den Zwängen von Hor-monaufruhr im Maien passierten nun mal dergleichen Dinge, aber zu Ludwigs Zeit gilt eine uneheliche Geburt als Gipfel der Schande, und für die Mutter ist kein Mann mehr zu kriegen - außer ihrem Schwängerer.
Diesmal aber ist wohl niemand im Städtchen bereit, sich mit der üblichen Verachtung zufriedenzugeben. Für Breckerfeld ist die Affäre der Skandal des Jahres, denn nachdem die Mesenhöllerin ihren Eheherrn verloren hat, ist vor kurzem erst auch ihr Söhnchen August mit Tode abgegangen, und kaum hat das Weib abgetrauert, lässt es sich schon wieder auf eine fleischliche Vermischung ein - unglaublicherweise auch noch mit einem Minderjährigen aus der untersten Unterschicht. So etwas gab‘s in Breckerfeld noch nie. Selbstverständlich ist die Frau für ihr Leben erledigt und kann eigentlich nur noch auswandern.

Zeitgenössische Grafik: Heimweber

Zeitgenössische Grafik: Heimweber

Das aber ist ihr verwehrt. Wovon sollte sie leben? Ihre einzige Möglichkeit ist, sich von dem Schwängerer heiraten zu lassen. Der aber ist nicht nur gänzlich mittellos, sondern auch viel zu jung für eine Ehe. Obendrein brauchen die Eltern ihren Ludwig unbedingt fürs Familieneinkommen. Ohne Einwilligung des 68jährigen Vaters Jacob ist eine Heirat rechtlich nicht einmal möglich.
Heftige Auseinandersetzungen in den Familien müssen die Folge gewesen sein; zweifellos hat auch Pfarrer Hülsemann den alten Jacob geknetet, denn nichts ist der Kirche mehr zuwider als uneheliche Geburten. So bleibt am Ende auch diesmal nur die Ehe als Ausweg.
Es dauert aber viele Monate, bis es endlich zur Hochzeit kommt. Da ist der obligate Eröffnungstanz des Brautpaares für die Amalia schon nicht mehr ganz ungefährlich, denn sie schiebt ein sieben Monate altes Kind im Bauch vor sich her.
Für Ludwigs alte Eltern bedeutet der ungewöhnlich frühe Wegzug des Sohnes eine drastische Verschlechterung ihrer sozialen Lage. Aber für ihn auch, denn er besitzt im Wortsinne nichts.
Dagegen ist der Hochzeitstag für einen armen Burschen, der nur an Sonntagen Lederschuhe zu tragen pflegt, ideal gewählt. Der 30. Oktober 1842 ist nämlich ein Sonntag, und es ist undenkbar, dass im streng protestantischen Breckerfeld am Tag des Herrn eine Feier in Fressen und Saufen ausartet. So kann die Sache nicht allzu teuer werden.
Noch besser: Obwohl Hochzeiten in Breckerfeld gern zwei Tage dauern, ist diesmal die Feier zwangsläufig auf einen Tag beschränkt,. Der nächste Tag ist nämlich noch mehr als ein Sonntag, einer der höchsten kirchlichen Feiertage: das Reformationsfest, und das wird von Breckerfelds Lutheranern ernst-feierlich begangen. An Ausschweifungen ist da nicht zu denken. Hochwürden Spitzbarth, Erster Pfarrer zu Breckerfeld, ist ein kerniger Luther-Mann und würde solchen Frevel gewisslich nicht dulden.
Die Birkenstock-Hochzeit ist also bloß eine „Bierhochzeit“, wie man die bescheidenen Veranstaltungen der armen Leute nennt, bei denen die Gäste kein großes Essen kriegen, sondern sie, neben einem kargen Imbiss, mit Bier und Biersuppe vorlieb nehmen müssen.
Während so das Brautpaar seine Ausgaben drosselt, kann es mit beachtlichen Einnahmen rechnen. Am Abend des Hochzeitstages nämlich pflegen die Gäste ihre Geschenke zu überreichen. Haus- und Küchengeräte werden geschenkt, und Breckerfelds Chronist Anton Maier behauptet, „dass ein nicht mit irdischen Gütern beglückter Anfänger seinen Hausrat vervollständigen“ könne.11 Geld wird an Ort und Stelle unter Aufsicht des Pfarrers Hülsemann gezählt, der in Breckerfeld Prediger heißt, mit „Hochwürden“ anzureden ist und der die beiden traute. Er ist die Nummer zwei unter Breckerfelds Predigern.
Neun Wochen nach der Hochzeit schreit das erste Birkenstock-Kind in der Mietkammer, und der Prediger Spitzbarth tauft es an seinem 40. Geburtstag auf den gut preußischen Namen Wilhelmina.

Inzwischen ist John Nelson Darby kein Priester mehr. Er hat be-schlossen, die Bibel Wort für Wort als absolute Autorität zu betrachten und ist gewiss, dass Gott höchstselbst diese Einsicht in ihn pflanzte, hat seine Schäfchen Schäfchen sein lassen, ist aus der Kirche ausgetreten und reist auf eigene Kosten als Wanderprediger durch England und Irland.
Sektierer? Er ist doch kein Sektierer! Die so reden, meinen, die Wahrheit liege bei der Mehrheit, also der Staatskirche. Waren denn die ersten Christen Sektierer, weil sie eine winzige Minderheit im Judentum waren? Er, John Nelson Darby, ist davon durchdrungen, die höchste Wahrheit in der Bibel gefunden zu haben. Sektierer sind alle jene, die seine Wahrheit nicht haben: Besonders die Kirchen sind die Sektierer!
Von alledem wissen die Birkenstocks nichts. Sie sind und bleiben lutherisch, wie sich das in Breckerfeld gehört, und sie konzentrieren sich ganz auf den täglichen Überlebenskampf.
In genealogischen Aufzeichnungen erscheint der Ludwig als Huf- und Nagelschmied, und damit wird der Eindruck erweckt, er sei ein ehrbarer Handwerker gewesen. Das ist falsch. Er gehört zur Masse der Proletarier, die jede Arbeit annehmen, wenn sie ihnen nur ein karges Überleben sichert. Gelernt hat er die Weberei, besser gesagt: Er hat sie sich im elterlichen Haushalt angeeignet, wie das bei Weberskindern nun mal so ist, die von klein auf zu Hause helfen müssen.
Danach hat er sich eine Zeitlang als Schmied durchgeschlagen, aber auch das ist für ihn eine erbärmlich karge Zeit, denn er ist nicht etwa selbständiger Schmied, sondern ein ungelernter Weber, der bei einem Schmied im Städtchen aushilft. Kein Wunder, dass er schon nach kurzer Zeit abermals seine Tätigkeit wechselt und Arbeit in einer Fabrik annimmt. Das kann nur das Hammerwerk Johann Caspar Voormann und Sohn gewesen sein, denn eine andere Fabrik gibt es in ganz Breckerfeld und seiner näheren und weiteren Umgebung nicht.
Allem Anschein nach ist er irgendwie an der Herstellung von Schaufeln und Spaten beteiligt. Dabei wird er natürlich wie alle anderen gnadenlos ausgebeutet. Fabrikarbeit gilt „in dieser Zeit als die niedrigste Arbeit, die man verrichten kann“.12 Aber Ludwig braucht kein Sozialprestige, sondern Kartoffeln für Frau und Kind und ab und zu auch Brot. Und nach den unsicheren Einkünften als Weber und als Hilfsarbeiter beim Nagelschmied hat er jedenfalls bei Voormann Woche für Woche ein Papiertütchen mit einem kleinen, dafür aber halbwegs sicheren Geldbetrag darin. Stets am Rande des Existenzminimums darbt er sich mit Frau und Kind durchs Leben - aber über den Rand hinab rutscht er nicht.
Seine Vorfahren waren arme Schlucker, so weit er zurückdenken kann. Aber bei aller Abhängigkeit von wechselnden Auftraggebern waren sie doch ihre eigenen Herren, kämpften um Web-Aufträge, verhandelten über Preise, teilten sich ihre Zeit selbst ein, leiteten die mitarbeitenden Familienmitglieder an und fällten täglich unzählige Entscheidungen im Webprozess: Nicht gänzlich ausgeliefert waren sie, sondern sie bestimmten ihr Schicksal mit. Als Fabrikarbeiter aber ist Ludwig ein austauschbares Rädchen im Produktionsprozess der Fabrik, ganz und gar abhängig von den Entscheidungen anderer, fremden Regeln unterworfen, unwichtig in den Augen seiner Herren - und bald auch vor sich selbst.

Zwischentext
Arbeitsbedingungen im Bereich des Wuppertals

„Niedrige und ungerechte Löhne, gesundheitsschädigende Arbeiten und Arbeitsplatzverhältnisse mit Krankheits- und Invaliditätsfolgen, Arbeitszeiten vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, Sonntagsarbeit, Massenentlassungen bei schwächer werdender Konjunktur bis hin zu zeitweiliger und dauernder Arbeitslosigkeit, Frauenarbeit trotz familiärer Beanspruchung dieser Frauen, erschreckende Kinderarbeit und unregelmäßiger Schulbesuch, furchtbares Wohnungselend unter unglaublichen hygienischen Verhältnissen, familienzerrüttender Alkoholismus, mangelhafte Nahrungsmittelversorgung, begleitet von Unterernährung, Mangelkrankheiten, erhöhter Krank-heitsanfälligkeit, schlechter ärztlicher Versorgung und vorzeitigem Sterben.

(Der Wuppertaler Historiker Klaus Goebel 1985, S. 13 f.)

Ludwig Birkenstock ist ein Partikel in der Proletarier-Masse. Die meisten dieser Kreaturen fügen sich in ihr Schicksal, erdulden den 14-Stunden-Tag, ertragen den Hungerlohn, nehmen das Eingepferchtsein in feuchte Wohnhöhlen hin und halten das alles für unabänderlich: Weil es ihnen so schlecht geht, halten sie sich selber für minderwertig.
Der Doktor Marx wird das in wenigen Jahren so ausdrücken: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“
Sicher scheint zu sein, dass Ludwig nie politisch für eine Verbesserung seiner Lage gekämpft hat.
Dabei liegt das nirgendwo im ganzen deutschen Reich so nahe wie in seiner Region. Nirgends ist die deutsche Arbeiterbewegung so stark wie im benachbarten Wupper-Tal. Wenige Jahre später wird der deutsche Arbeiterverein sogar sein erstes Stiftungsfest in Ronsdorf auf den Höhen des Wuppertals feiern, weil er hier die meisten Anhänger hat.

Mister Darby sind solche Sorgen fremd. Ein Onkel hat ihm ja „something“ hinterlassen. Er befindet sich gerade in der Schweiz auf Missions-Tour und wirbt für seinen fundamentalistischen Bibelglauben. Mehr denn je ist er davon durchdrungen, dass allein er die Bibel richtig versteht, und so erfolgreich wirbt er für seine Überzeugung, dass immer mehr Menschen seine Meinung übernehmen, sich „bekehren“ und nun wie er gewiss sind, zu den Wenigen zu gehören, die später nicht in der Verdammnis versaufen werden. Ehe die Pfarrer auf ihren Kanzeln begreifen, dass die Bänke unter ihnen immer dünner besetzt sind, kämmt der Darby schon das nächste Revier aus. Wo er missioniert hat, hinterlässt er kleine Gemeinden, die er der Staatskirche abgepredigt hat und die sich schlicht „christliche Versamm-lungen“ nennen. Die sind nun weder lutherisch noch reformiert noch calvinistisch noch katholisch, sondern „dissidentisch“: andersgläubig. Und nach dem Männerbild des Paulus nennen sie sich „Brüder“. „Schwestern“ gibt es natürlich auch, aber die haben - wieder nach dem Vorbild des Paulus - nichts zu sagen und spielen in den Gemeinden bestenfalls eine Nebenrolle.

Im Spätherbst 1843 bahnt sich in Breckerfeld ein doppelter Umsturz an. Er betrifft erstens das Leben von Hochwürden Spitzbarth, Erster Prediger zu Breckerfeld. Dessen Gemeinde wird schwer in Mitleidenschaft gezogen werden, und ihr Hirte wird bis nach Berlin ins Gerede kommen.
Er betrifft zweitens Ludwigs Leben. Aber damit hat es noch ein paar Jahre Zeit. An dem nun folgenden jahrelangen Getümmel wird er zunächst überhaupt nicht beteiligt sein. Aber wie es zu seiner Knechtung kommen konnte, ist ohne Kenntnis der folgenden Ereignisse und der sie vorantreibenden Menschen nicht zu verstehen. Deshalb muss dieses alles zuvor aufgedeckt werden, und dass einflussreiche Persönlichkeiten unserer Zeit lieber hätten, wenn es unter der Decke bliebe, darf den Chronisten nicht schrecken.
In einem der beiden Vormittags-Gottesdienste am ersten November-Sonntag sitzt ein fremder junger Mann unter der Kanzel. Der trägt den Keim des Zerwürfnisses in sich. Man sieht es seinem ernsten Gesicht nicht an, und nicht mal er selber ahnt etwas.
Er ist zwanzig Jahre alt, der neue Dritte Lehrer der evangelischen Schule und kommt frisch vom Lehrerseminar.13 Breckerfeld ist seine erste Stelle. Hier wird er sein erstes Gehalt verdienen: weniger als 14 Taler pro Monat, Wohnungsgeld inclusive. Am nächsten Morgen wird er zum ersten Mal selbstverantwortlich vor einer Schulklasse stehen.
Den Antrittsbesuch bei Hochwürden Spitzbarth, seinem Vorgesetzten, hat er sicherlich längst hinter sich, und nun sitzt er zu seinen Füßen und lauscht seiner Predigt. Jedenfalls ist es wahrscheinlich, dass er jenen der beiden Sonntags-Gottesdienste für seinen Besuch auswählte, den der Erste Prediger bestreitet.
Pfarrer Carl Spitzbarth ist durch seine Bearbeitung von Luthers Kleinem Katechismus14 in ganz Westfalen bekannt, und sicherlich kennt der junge Lehrer das Büchlein von seiner Ausbildung am Soester Seminar. Bald wird er bekannter sein als sein Vorgesetzter, aber auch das ahnt niemand, er selbst zuletzt.
Ludwig Birkenstock bleibt der außerhalb Breckerfelds unbekannte kleine Malocher, der den größten Teil seines Lebens „auf Arbeit“ in der Fabrik verbringt. Im Sommer 1844 zeugt er sein zweites Kind, Amalie, im Mai des folgenden Jahres hält er es über die Taufe, und im Juli begräbt er seinen Vater Jacob. Den Lehrer kennt er vielleicht gar nicht. Seine Kinder sind ja noch nicht schulpflichtig.
Lehrer Brockhaus ist allem Anschein nach in der „todten Stadt“ Breckerfeld zwei Jahre lang nicht sonderlich aufgefallen - höchstens wegen seines für einen so jungen Mann ungewöhnlichen „ernsten, gesetzten Wesens“, wie einer seiner Brüder mal schrieb. Nun aber, im Dezember 1845, ändert sich das. Da widerfährt ihm seine „Bekehrung“, und er gehört zu jenen, die sich ihr Leben lang genau an Uhrzeit und einzelne Umstände dieses Vorgangs erinnern können - und das übrigens auch von anderen „Gläubigen“ erwarten. Wie der Darby im fernen England will er von nun an jedes Wort in der Bibel tatsächlich als „Gottes Wort“ verstehen: als Gottes unbedingten Befehl für seine Lebensführung. In der folgenden Zeit wirkt er vermutlich manchmal etwas abwesend; das kommt daher, dass er „unter stetem Gebet einher“ geht, wie er später schreiben wird.
Nach seiner Bekehrung wird alles anders. Ihn treibt das Bedürfnis, auch anderen dazu zu verhelfen. So beginnt der Dreiundzwanzigjährige, mit freundlicher Genehmigung von Prediger Spitzbarth und dessen Amtsbruder Hülsemann in seinem Klassenzimmer Bibelstunden abzuhalten.
Seine Zuhörer spüren bald: Das ist keine „Bibelstunde“, sondern Gottesdienst - aber ganz anders als der gewohnte in der Kirche.
In den Ohren eines Breckerfelder Evangelischen hat die Botschaft des jungen Schulmeisters einen Klang, der überhaupt nicht zu den aus ihrer Kirche gewohnten Tönen passt. Kirche in Breckerfeld ist nicht nur Institut nüchterner Gläubigkeit, frommer Kontemplation und strengen Lebenswandels. Sie ist auch selbstverständlicher Teil des städtischen Lebens wie Kriegerverein, Jahreskirmes und Schützenbruderschaft, nur feierlicher und sonntags sowie bei Festen und Feiern unentbehrlich. Sogar das Presbyterium klagt, es sei „kein rechter Hunger nach dem Brod des Lebens da“.
In Breckerfeld kann auch schon mal eine rustikale Art kirchlichen Lebens durchbrechen. Die Alten wissen noch von dem Chaos bei einer lutherischen Predigerwahl zu berichten.15 Gemeindeglieder hatten einander angebrüllt, dass die Kirche davon widerhallte. Die Partei eines der Prediger-Kandidaten hatte Unentschlossene „auf dem Chor“ mit Schnaps freigehalten, um die Wahl in ihrem Sinne zu beeinflussen, und Tabakschwaden waren durch die heiligen Hallen gewabert. Störrischen wurde sogar mit dem Verlust des Arbeitsplatzes gedroht, wenn sie nicht wunschgemäß abstimmten, und hinterher hatte es regelrechte „Schlägereyen“ im Gotteshaus gegeben, wie der Westfälische Anzeiger berichtete.16
Am ärgerlichsten ist aber die Feindschaft der evangelischen Lutheraner gegen die evangelischen Reformierten. Nur offiziell herrscht seit zwei Jahren Frieden. Ein Höhepunkt der Auseinandersetzungen war, als die Armee zu Hilfe gerufen werden musste, weil das „liederliche lutherische Volck“ mit Prügeln gegen die Reformierten vorging, denen ihr Gotteshaus abgebrannt war und die um Gastrecht bei den Lutheranern baten (das ihnen natürlich verwehrt wurde).
Und noch vor wenigen Jahren, als die hochlöbliche Regierung zu Arnsberg zwei „edle Männer“ nach Breckerfeld entsandte, um die große lutherische Gemeinde zur Vereinigung mit der verhassten kleinen reformierten zu bewegen, mussten die Edlen, ein Herr Landrath und ein Herr Consistorialrath, ohne Erfolg die Kutsche für die Rückfahrt besteigen, denn der lutherische Teil „gab keine raison und nahm keine raison an“. So berichtete die Presse. Das alles ist zwar Vergangenheit, aber nicht vergessen. Natürlich würden die Geistlichen Spitzbarth und Hülsemann Ähnliches nie wieder zulassen, aber unter der Kruste köchelt immer noch die Lava. Was Jahrhunderte lang brodelte, ist mit ein paar Unterschriften nicht erkaltet.
Dagegen sind die „Gottesdienste“ des Brockhaus von völlig anderem Geist, und das spricht sich schnell herum im Städtchen. Wie Darby im fernen England hat auch er immer weniger Zweifel, dass die Staatskirche nicht Gottes Willen entspricht. Die rücksichtslose Radikalität und die Streitlust des Engländers hat er aber nicht. Dabei hätte er Gelegenheit genug. Nebenan, in Elberfeld, von Spöttern wegen vieler evangelischer Splittergruppen „Sektenschlucht“ genannt, gibt es fortwährend theologischen Streit, und aus jedem erwächst mindestens eine neue Sekte. An keinem einzigen Streit ist der Brockhaus beteiligt.

Wenn es aber in England oder Irland theologisches Gerangel gibt, kann man fast sicher sein, dass der Darby mittendrin steckt mit Kriegsgeschrey in Tinte, voll mit frommer Bösartigkeit und ausgesuchten Kränkungen. Jeder der Streitenden ist gewiss, Recht zu haben, aber niemand vertritt dieses Recht so rabiat wie der Ex-Priester. Vor allem hat er sich weiter radikalisiert: Alle, die anderer Meinung sind, stößt er erbarmungslos in den Orkus. „Separation from Evil“ nennt er das seit einigen Jahren: Trennung vom Übel. Diese Trennung besteht in Rausschmiss. Exkommunikation würden die Katholiken sagen. Aber bei denen muss man unendlich viel mehr falsch gemacht haben, bis es zum Letzten kommt. In Darbys Freikirche geschieht das regelmäßig und schon für scheinbare Kleinigkeiten, die für Nichteingeweihte unverständlich sind, bei denen es aber für Darbysten um Tod und Leben geht, weil es sich um Gottes pingelig genaue Anweisung für private Lebensführung handelt.
Unermüdlich ist er in ganz Europa unterwegs, zu Fuß, mit der Kutsche und mit dem Segelschiff, predigt, hält Bibelstunden, veranstaltet „Konferenzen“, lehrt, schimpft, droht, wirbt, beleidigt und polemisiert und schreibt eine Streitschrift nach der anderen - und das alles für seine große Vision: die echten „Kinder Gottes“ unter dem Dach seiner „christlichen Versammlung“ zu vereinigen. Auf Abweichler wartet die „separation“.
Da ist der junge Brockhaus ganz anders. Auch der ist radikal und von Selbstzweifeln immer weniger geplagt, aber er ist nicht erbarmungslos. Seine Zuhörer sind überwiegend die kleinen Leute des Städtchens und der Siedlungen nahebei: Schreiner und Bäcker, Schneider und Nagelschmiede, Landwirte und Ackerknechte. Viele sind des Lesens und Schreibens nur mit Mühe kundig, einige überhaupt nicht, wie ihre Schriften und Unterschrifts-Kreuze ausweisen. Das Selberlesen in der Bibel ist für viele ein arges Problem. Wie gut, dass der junge Lehrer ihnen sagt, was sie wissen müssen. Intensives Bibelstudium für ausgefeilte Predigtkonzepte braucht der dazu nicht, denn den hochkomplizierten Paulus-Brief an die Römer zum Beispiel kennt er von vorn bis hinten Wort für Wort auswendig. Er macht ihnen klar, dass ihre erbärmliche Existenz Gold ist im Vergleich zu den unendlichen Schrecken, die sie nach dem Tod erwarten.
Beim Lehrer Brockhaus begreifen sie irgendwann zum ersten Mal, was für abgrundtief schlechte Menschen sie sind. Alle Menschen sind so, ohne Ausnahme. Allein dafür, dass Adam und Eva vor undenkbar langen Jahrtausenden einmal Gott nicht gehorchten, verdienen heute wir die schlimmste Strafe. Denn die beiden haben ihren bösen Geist immer weiter vererbt, und nun hat ihn jeder Mensch in sich, ob er will oder nicht. Und weil wir das Böse in uns haben, geben wir ihm zu allem Überfluss auch noch fortwährend nach. Passt auf, Leute: Ihr auch!
Das aber lässt Gott den Menschen nicht durchgehen. Nach ihrem Tode kommt seine Generalabrechnung, und unser Urteil steht jetzt schon fest: verdammt in alle Ewigkeit.

Macht euch das mal klar: Dafür, dass wir so sind, wie wir nun mal geboren wurden, bezahlen wir nicht mit irgendeiner Strafe, nicht mal mit ein paar Jahren Quälerei nach dem Tod, wie die Katholiken uns weismachen wollen, sondern ewig, ein für allemal, mit unvorstellbaren Qualen, ohne Ende, so lange im Weltall ein Licht noch zuckt, und danach auch noch. Nie hört das auf. Hört ihr? Nie!
Das kurze irdische Leben ist, bei Licht besehen, nur dazu da zu entscheiden, auf welche Weise es danach weitergeht: in ewiger Freude und phantastischem Licht oder in nicht endender barbarischer Folter.
Hochwürden Spitzbarth und Hülsemann sagen so etwas auch, aber nicht so eindringlich, plastisch und überzeugend. Und sie verlangen auch keine Bekehrung, um das Unheil abzuwenden, schon mal gar nicht eine, die auf Tag und Stunde bezeugt werden kann.
Du, Schreiner Steinbeck, bilde dir bloß nicht ein, du wärest besser als andere, anständiger. Das hülfe dir nichts. Der von Menschen ersonnene Rechtsgrundsatz der Verhältnismäßigkeit gilt nämlich nicht bei Gott. Ob großer oder kleiner Sünder - alle werden zur Einheitsstrafe verurteilt: Ab in die Hölle!
Und glaube bloß nicht, du seiest in Sicherheit, weil du dich einigermaßen an die zehn Gebote hältst und zur Kirche gehörst! Du Narr: Das ist alles nichts wert.

Zwischentext:
Der Missionar Heukelbach über den Motor seiner Bekehrung17

Wenn ich [als Bahnbeamter] eine Maschine anfahren hörte und hörte sie puffen, dann glaubte ich immer wieder aus dem Geräusch herauszuhören: Wenn aber nicht ... dann sind Sie verloren. Und wenn ich an der Fahrkartenmaschine eine Fahrkarte druckte, dann klang es immer wieder: Wenn du aber nicht zum Blute Jesu Christi deine Zuflucht nimmst, dann bist du verloren. (Roch, 20)

Hochwürden Spitzbarth hört kaum etwas darüber, was sein Unter-gebener während der Bibelstunden treibt. Aber dass von Mal zu Mal mehr Menschen herbeiströmen, dass sie selbst stundenlange Anmarschwege in Kauf nehmen und Brockhaus‘ Klassenzimmer manchmal brechend voll ist, erfährt er wohl. Das gefällt dem Pfarrer immer weniger. Schließlich sind das seine Leute, die da außer der Reihe singen und beten; die Katholiken sind immun.
Ludwig Birkenstock aber hält sich zu seinen angestammten Predigern Spitzbarth und Hülsemann, erst recht, als ihm seine kleine Amalie stirbt. Unverdrossen zeugt er sogleich sein nächstes Kind und hält es neun Monate später über die Taufe. Endlich ist ihm ein Junge gelungen, und stolz nennt er den nach seinem König: Friedrich Wilhelm.
Im folgenden Jahr, 1848, als auf den Hängen Breckerfelds die Schneeglöckchen blühen, jagen im fernen Paris die Franzosen ihren König davon.
Anfang März zündelt das revolutionäre Feuer auch in der „todten Stadt“ Breckerfeld. Stadtbeleuchtung? Kein Thema mehr. Wasserleitung statt Hausbrunnen? Diese Diskussion setzen wir später fort. Eine Eisenbahnstrecke zwischen Hagen und Iserlohn? Jetzt gibt‘s Wichtigeres. Flugblätter wandern von Hand zu Hand. Pressefreiheit! Redefreiheit! Alle Kinder auf Staatskosten erziehen! Weg mit dem Adel! Titel sind Schnickschnack!
In der Zeitung erscheinen Anzeigen: „Die unterzeichneten Bürger haben sich gegenseitig vereinbart, auf die nichts sagenden Prädikate Hochwohlgeboren, Wohlgeboren usw. in ihrer gegenseitigen Korrespondenz zu verzichten. Sie wollen nichts mehr und nichts weniger sein als gute Bürger.“18
Eine Sonderausgabe meldet: „Die Censur ist aufgehoben!“ Der märkische Gelehrte Woeste will sogar, den Sturmwind nutzend, die Großbuchstaben abschaffen. Hei, wenn das so weitergeht, wird demnächst das Tabakrauchen auf der Straße erlaubt sein!19
Voormanns Arbeiter Ludwig Birkenstock führt keine Korrespondenzen, und mit titelgeschmückten Leuten verkehrt er nicht. Er würde sich schämen, auf der Straße zu rauchen, und wenn das Geld für Zeitungen übrig wäre, hätte er zum Lesen keine Zeit. Wirtschaftlich geht es ihm wieder schlechter, wie der gesamten Arbeiterschaft ringsumher. Dennoch hat er weder mit der Revolution noch mit den frommen Betern des Lehrers irgendetwas im Sinn.
Dem Pfarrer Spitzbarth aber geht das Herz auf: Redefreiheit, Pressefreiheit, mehr Rechte für die Bürger - dafür hat er als Student schon vor einem Vierteljahrhundert den Kopf hingehalten. Aber heute, als preußischer Staatsdiener, freut er sich lieber heimlich. Schon damals hätte es ihn um ein Haar seinen Beruf gekostet.20 Umso mehr stößt ihn die samtene Frömmigkeit des Lehrers ab. Der betrachtet alle demokratischen Bestrebungen mit mildem Abscheu. Was hat die Gemeinde des Herrn Jesus mit Bürgerrechten zu schaffen? „Unser Bürgerrecht ist in den Himmeln!“
Dann jagt ein Gerücht durchs Städtchen: In Berlin kämpft das Volk gegen Soldaten unseres Königs. Majestät sollen sogar nachgegeben haben. Unvorstellbar! Kein Breckerfelder hätte wohl auch nur für denkbar gehalten, dass sich jemals preußische Untertanen gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit empören würden.
Man muss nicht dabei gewesen sein, um sagen zu können, welche Bibeltexte Lehrer Brockhaus in diesen Tagen seinen Zuhörern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auslegt, denn wenn‘s in der Welt drunter und drüber geht, rechnen Leute seines Schlages mit der baldigen Wiederkehr ihres Herrn, und deshalb sind es immer dieselben Texte: Er spricht über „Kriege und Kriegsgeschrei“, „teure Zeit und Schrecken“, „und die Kinder werden sich empören wider ihre Eltern“, wie Gott uns durch den Mund des Matthäus angekündigt hat im zehnten Kapitel, und dieses alles ist das Zeichen für die bevorstehende Wiederkehr des Herrn. Damit wir diese Warnung auch wirklich ernst nehmen, steht sie sogar in Markus 13 noch mal, und obendrauf ist die heilige Warnung gesetzt: „Sehet zu, dass euch nicht jemand verführe!“ Aber bis das Ende naht, gilt, was unser Gott uns durch Paulus im Römerbrief hat ausrichten lassen: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit.“ Denn die hat er selbst eingesetzt. Also: Finger weg von revolutionären Schriften! Schon revolutionäre Gedanken sind Sünde! Und von Demokratie steht in der Bibel kein Wort. Also will Gott sie nicht.

Genau so redet auch John Nelson Darby in den Gemeinden, die er eine nach der anderen gründet. Was Matthäus den Menschen zur Endzeit vorhergesagt hat, gilt natürlich in England genauso wie in Deutschland und bei den bedauernswerten Negern in Afrika. Wenn Paulus im Auftrag Gottes an die Philipper (3.20) schrieb: „Unser Bürgertum ist in den Himmeln“, dann zieht man in Deutschland die gleiche Konsequenz daraus wie Darby in England: „We don‘t mix in politics!“ Wenn Paulus schreibt, dass er Schmuck und schön geflochtene Zöpfe an Frauen nicht haben will, dann rollt eine Frau in Breckerfeld ebenso reizlos die Haare wie eine in Bristol, und einzige Alternative ist der zwieblige „Knoten“.
Hochwürden Spitzbarth sieht das Treiben seines Untergebenen mit wachsendem Misstrauen. Was treibt der Kerl in der Kirche Revier? Es dringt praktisch nichts nach draußen. Dass er Irrlehren verbreiten könnte, glaubt er zwar nicht. Schließlich kennt er seinen Untergebenen aus vielen Unterrichtsbesuchen. Aber seit seiner Bekehrung ist der junge Mann von einer schwärmerischen Radikalität, die dem Pfarrer, einem preußischen Geradeaus-Lutheraner mit liberalen Neigungen, nicht geheuer ist.
Schließlich scheint sich doch alles zum Guten zu wenden. Der Lehrer Brockhaus bewirbt sich erfolgreich um eine Stelle mitten im Zentrum westdeutschen Elends. Er wird als „Erster Lehrer“ Leiter der zweiklassigen Zwergschule im Elberfelder Armenviertel Neuen-teich, Dienstwohnung im Hause.21
Natürlich setzt kein Presbyterium einen Lehrer auf eine Beförde-rungsstelle, von dem es nichts weiß. Die Mitwirkung der abgebenden Schulaufsicht ist selbstverständlich; deshalb muss Brockhaus eine sehr gute dienstliche Beurteilung seiner Behörde gehabt haben: von Hochwürden Spitzbarth. Ei, hat der nicht auch Beziehungen nach Elberfeld? Aus dieser Stadt stammt schließlich sein Vater, Hochwürden Spitzbarth senior. Und sogar dessen Vater war schon lutherischer Prediger in Elberfeld.22 Da liegt die Vermutung nahe, dass Spitzbarth seinen Untergebenen nicht nur durch eine hervorragende Beurteilung unterstützt, sondern sogar gezielt auf diese Stelle vermittelt hat. Und sie ist für den Brockhaus tatsächlich maßgeschneidert.
Der Pfarrer vermählt seinen wuseligen Jung-Missionar noch mit der Tochter eines wohlhabenden Breckerfelder Bäckers und verabschiedet dann das Paar mit Gottes Segen in das sechs Wegstunden entfernte Elberfeld. Zu Ostern ist der Störenfried weg. In der evangelischen Gemeinde Breckerfeld kann wieder Ruhe einkehren.
Sehr wahrscheinlich nimmt Ludwig Birkenstock von dem Abgang nur deshalb Kenntnis, weil einige seiner Kinder wegen Lehrermangels vorübergehend weniger Unterricht haben. Mit dem frommen Treiben aber hat er nichts im Sinn.
Auf die schönen Bibelstunden muss der junge Lehrer nun verzichten, und mit dem gebührenfreien Missionieren in städtischen Räumen ist‘s auch vorbei. Seine neue Obrigkeit, das Neuenteich-Presbyterium, meint, der Schulleiter solle gefälligst seine ganze Kraft im Unterricht verbrauchen. Sicherlich spielt auch mit, dass des Brockhaus‘ neue vorgesetzte Pfarrer selber Bibelstunden in der Schule halten. Vermutlich hat Spitzbarth aus Breckerfeld auch eine dezente Warnung geschickt, den Neuen auf seine Dienstpflichten festzunageln. Wie sonst hätte das Presbyterium das Missionierungsverbot schon in die Berufungsurkunde Carls schreiben können?
Aber die Dienstpflichten sind dem Carl Brockhaus nicht genug. Offen gesagt: Er hält Unterricht sogar für zweitrangig. Mit Recht. Denn das Elend der Menschen ringsum ist unbeschreiblich. Zusammen mit Barmen ist Elberfeld, die Industriestadt des Reichs und auch als „deutsches Manchester“ bezeichnet, eine Stadt, “welche mit einem zahllosen Fabrikproletariat in den ungesundesten Wohnungen bevölkert ist“, wie ein Zeitgenosse schreibt.
Weil er keine Bibelstunden abhalten darf, sucht Brockhaus sich neue Wirkungskreise. Zuerst die „Evangelische Gesellschaft für Deutschland“. Die gründet sein Vorgesetzter, der lutherische Pfarrer Feldner, und der neue Lehrer wird sogleich ihr Schriftführer. Bestimmt nicht, um seinem Chef einen Gefallen zu tun. Nie würde er sich anbiedern. Er tut nur, was er für richtig hält. Er hat „seinen Kopp“.
Schon nach kurzer Zeit passt ihm die ganze Richtung der Vereinsarbeit nicht mehr; sie ist ihm zu sehr sozial und zu wenig evangelis-tisch. So wird er im selben Jahr auch noch Sekretär der Traktatgesellschaft. Da wird mehr für das Evangelium geworben.

Im Jahre 1848 nimmt die von Mister Darby mitbegründete freikirchliche Gemeinde in Bristol zwei „Brüder“ aus Plymouth auf. Das tut sie getreu nach Darbys Regeln: Eine Kommission hat ihre Rechtgläubigkeit auf Herz und Nieren geprüft und ihnen einen „gesunden Glauben“ bescheinigt. Darby aber ist bei den beiden anderer Meinung. Er kennt sie zwar nicht, aber er weiß, woher sie kommen, nämlich aus einer Gemeinde, wo nicht exakt sein Glaube gepredigt wird. Darum hält er sie für „böse“, religiös verseucht. Er ist überzeugt, dass die Fremden den Bazillus des Bösen in ihre neue Gemeinde einschleppen und sie deshalb gar nicht hätten reingelassen werden dürfen. Nun, da sie drin sind, müssen sie jedenfalls unverzüglich wieder rausgeschmissen werden. Alles andere hieße, sich gegen Gott zu versündigen.
Und nun geht‘s los: Anschuldigungen, Beschimpfungen und Verurteilungen fliegen hin und her, gelehrte Schriften werden verfasst und „Brüder“ als Werkzeuge des Teufels verdächtigt.
Am Ende siegt Darbys fanatische Durchsetzungskraft. Die Neuen werden wieder ausgeschlossen und fast alle Bristoler Gemeindeglieder gleich mit, und bei der Gelegenheit geht auch über alle anderen Darby-Gemeinden in England ein gewaltiges Gewitter ihres ungewählten Oberhaupts nieder.23

Zwischentext:
Erich Geldbach über Darbys Lehre24

Dringen falsche Brüder, die an ihren Irrlehren erkennbar sind, erst einmal in eine Versammlung ein, so ist die ganze Gemeinde, wenn sie nicht wachsam ist, in kurzer Zeit gleichsam verseucht. ... Es muss daher in der Gemeinde Männer geben, die, vom Heiligen Geist geleitet, die eingeschlichenen falschen Brüder als Irrlehrer entlarven. ... (S. 46) Es war Sünde, mit denen Gemeinschaft zu pflegen, die falsche Ansichten vertraten, ja es war Sünde, diejenigen nicht zu exkommunizieren...

Von nun an wird das gegenseitige Ausschließen zum Markenzeichen der Darbysten - bis auf den heutigen Tag.
Carl Brockhaus hat keine Zeit, Glaubensprüfungen zu veranstalten und Streitschriften zu drechseln. Er hat sich nicht nur um seine beiden Vereine zu kümmern, sondern auch er schreibt, nämlich theologische Werbeschriftchen. Für so etwas ist das Wuppertal ein riesiger Markt, denn besonders Elberfeld dünstet geradezu Frömmigkeit aus.
Freiligrath schimpft über das „verdammte Muckernest“, die „Sektenschlucht“, das „vertrackte Traktätleinsthal“, das „verketzernd“ sei wie kein zweites. „Mit der Toleranz ist es hier nicht weit her.“ Selbst der Wuppertaler Hausdichter Emil Rittershaus beklagt die „religiöse Dumpfluft“ seiner Vaterstadt; Rudolf Herzog nennt sie ein „evangelisches Kloster“.25 Gerhart Werner resumiert: „Sektiererische Bekehrungs- und Missionsvereine entstehen auf einmal, fast über Nacht, verzückte Propheten treten auf, reißen eine Anzahl von Gläubigen mit sich, werden Mode, machen eine Weile von sich reden und ver-schwinden wieder ebenso plötzlich, wie sie gekommen sind.“26 Nach dem Geschmack des Carl Brockhaus sind die aber alle nicht.
Wenn eben möglich ist er auch noch mal in Breckerfeld, um seine Gefolgsleute zu betreuen. Carl Spitzbarth wird von unguten Gefühlen heimgesucht, wenn er, selten genug, von der verbissen-gefühligen Frömmigkeit hört, die sein ehemaliger Lehrer bei seinen Besuchen im Städtchen nach wie vor entfacht. Schon als junger Student ist der Pfarrer für Bürgerrechte eingetreten und hat sich großes Ungemach dafür eingehandelt. Dass dieser Lehrer bedingungslos der königlichen Obrigkeit untertan ist, von politischem Einsatz rein gar nichts und demokratische Bestrebungen sowieso für gottlos hält, weckt in dem Pfarrer Abwehr. Als kernigem Lutheraner ist ihm sogar des Brockhaus‘ Sprache unangenehm „schwülstig“.27 Ein Glück, dass der Weg von Elberfeld so schön weit und beschwerlich ist!
Im Jahre 1849 zieht auch in Breckerfeld die Revolution ein.28 Viele Männer sind bereits mit dem behelfsmäßigen „Bataillon“ des Regenschirm-Fabrikanten Fischer nach Iserlohn marschiert. In Hagen, gleich nebenan, erbeuten Bürger ein Pulverfässchen aus einem Militärtransport, und ihren Empfang quittiert korrekt der Bürger Vorster, jetzt „Vorster, Schütze“. Beim Hauptmann der Bürgergarde verschaffen sich die Männer Gewehre. Kugeln werden bei einem Dorfschmied gegossen.
Von des Brockhaus‘ Jüngern ist mit Sicherheit kein einziger mitmarschiert, und undenkbar ist, dass einer von ihnen eine Flinte in die Hand nehmen würde, die gegen ihres Königs Soldaten losgehen könnte.
Als das Bataillon Fischer schon auf Iserlohns Barrikaden gegen die Soldaten kämpft, rotten sich weitere Freiwillige in Breckerfeld zusammen. Einige werden wohl das Kommunistische Manifest des Elberfelder Industriellensohns Friedrich Engels und seines Freundes Karl Marx kennen, die meisten aber wollen marschieren, weil sie wütend über ihren König Friedrich Wilhelm sind. Der hat das Paulskirchen-Angebot, Kaiser in einem vereinten Deutschland zu werden, nur deshalb abgelehnt, weil er sich von Gesocks wie ihresgleichen nicht auf den Thron helfen lassen will.
Wieder ist von den Brockhaus-Leuten niemand zu sehen. Die folgen des Paulus‘ Mahnung: In irdische Politik mischen wir uns nicht ein.
(Wie gesagt: „Unser Wandel ist im Himmel!“)
Wenn ihr Lehrer einmal umständlich herbeigepilgert ist, sitzen sie wie früher im Klassenzimmer zusammen, und ihn treibt der Geist zu reden. Das alles ist gar nicht gegen die Kirche gerichtet. Deshalb käme Brockhaus auch nicht auf den Gedanken, etwa das Abendmahl auszuteilen. Das „Mahl des Herrn“ und die Taufe bleiben selbstverständlich Sache der Kirche. Die Leute halten sich immer noch für die wahren Evangelischen.
Ludwig Birkenstock aber hat mit ihnen nichts im Sinn.

Damit nicht das Iserlohner Feuer mit inzwischen mehr als vierzig Toten und ungezählten Krüppeln auf die ganze Grafschaft Mark übergreift, verhängt der Generalmajor von Hanneken über die Region den Belagerungszustand, Breckerfeld eingeschlossen. Und damit ist die Revolution im Städtchen zu Christi Himmelfahrt vorbei.
In Elberfeld jedoch,29 des Brockhaus‘ neuer Stadt, haben Menschenmassen die Innenstadt verbarrikadiert. Anrückendes Militär wird mit einem Steinhagel empfangen. Das Gefängnis am Turmhof wird gestürmt. Militär geht schießend gegen die Hauptbarrikade vor.
Der neue Schulleiter vom Neuenteich legt sich mit dem revoltierenden Straßen-Pöbel an: Die Kerle haben aus seiner schönen Schule ein Wachtlokal gemacht und schleppen die Bänke zum Barrikadenbau auf die Straße. Ein noch heute erhaltener revolutionärer Lageplan weist aus, dass es sich um die Barrikade „Am letzten Heller“ gehandelt haben muss.
Es kann kein Zweifel sein, dass Brockhaus dieses demokratische Treiben verabscheut. Dass man politisch etwas ändern müsse, um gegen das himmelschreiende Elend des Proletariats anzugehen, hält er für biblisch nicht begründet, in seiner Sprache: für „nicht schriftgemäß“. Den einen geht‘s gut, den andern schlecht. Das ist nun mal so. Reiche und Arme, Gott „hat sie alle gemacht“, wie in Sprüche 22, Vers 2 nachzulesen ist. „Gemacht“ heißt es, nicht „zugelassen“! Und wenn ihr noch so eifrig sucht: Nirgends in der „Schrift“ ist auch nur mit einem Wörtchen angedeutet, die gottgegebenen Unterschiede dürften mit politischen Veränderungen angegangen werden. Wenn zu solchen Handlungen keine Aussage zu finden ist, dann heißt das: Gott will sie nicht. Also sind sie Sünde.
Aber: Eine Sache sind die von Gott geschaffenen Unterschiede zwischen Arm und Reich und die von ihm verordnete Obrigkeit30 vom König bis zum Polizeidiener. Eine andere Sache ist es, den Mühseligen und Beladenen beizustehen.
Wie ein Christ einem elenden Proletarier helfen kann, hat unser Herr Jesus den Matthäus berichten lassen: Er gibt Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken, schafft Obdachlosen Unterkunft und besorgt Zerlumpten Kleidung, sucht Kranke in ihren Wohnhöhlen und Gefangene in ihren Kerkerlöchern auf. Das tut der Lehrer Brockhaus. Er zerreißt sich regelrecht für die am Rande des Verreckens vegetierenden Proletarier, besonders für ihre Kinder. Natürlich vergisst er auch nie zu erzählen, warum er das alles tut.
Das ist ihm sogar das Wichtigste. Er ist nämlich sicher, dass die eigentliche Ursache des ganzen Elends die miserable Glaubensqualität der Menschen sei. Gott lässt sich die permanente Missachtung nicht gefallen. Und dagegen die hilft nicht Revolution, sondern nur Evangelisation. Also evangelisiert er.
Ab und zu, selten genug, bedient er auch seine Anhängerschar in Breckerfeld. Immer noch spricht nichts dafür, dass Ludwig Birkenstock in seinen Versammlungen sitzt. Der hält sonntags unverändert zu seinem Prediger Spitzbarth, und an allen anderen Tagen ist er von morgens bis abends auf Arbeit. Im Sommer muss in der engen Kammer Platz für einen neuen Säugling geschaffen werden.

Als die Revolution auch in Elberfeld zusammengebrochen ist, folgt ihr die Cholera. Da geht der Neuenteicher Schulleiter nach Unterrichtsschluss zu seinen Schülern und predigt das Evangelium von dem Herrn Jesus. Seine Kanzel sind choleraverseuchte Mietskasernen am Ostersbaum, die „weder Licht noch Feuerung“ haben: sechs Fenster, Tür mit Steintreppe, sechs Fenster, Tür mit Steintreppe, und so weiter hundert Meter lang, drei Stockwerke hoch und im Dach eine Gauben-Parade.
Braucht dieser Mann keinen Schlaf? Trotz seiner gewaltigen Ans-trengungen hat er immer noch Reserven. Seinen dritten Verein gründet er selbst und wird auch gleich dessen Präses: Er nennt ihn „Elberfelder Erziehungsverein“; seine Zielgruppe sind die vielen von der Cholera zurückgelassenen Waisenkinder. Unterm Dach des Vereins wird eine Sonntagsschule gegründet. Wer managt das? Brockhaus. Cholera-Waisen werden in christliche Familien vermittelt. Wer organisiert? Brockhaus. Näh- und Flickstuben für Proletarierfrauen werden eingerichtet. Von Brockhaus. Ein Missionierungsblättchen für Kinder erscheint. Und wer wird Schriftleiter? Natürlich er.

Kaum zu fassen: Alles dieses genügt ihm immer noch nicht. Er wird Mitglied im „Evangeli-schen Brüderverein“ und hier sogleich auch Schrift- und Geschäftsführer. Das ist nicht nur ein richtiger Verein mit Satzung und Vorstand und allem, was ein deutscher Verein braucht; er hat vor allem nur einen einzigen Zweck: Evangelisation. Dafür besoldet er „Lehrbrüder“, die in der näheren und weiteren Umgebung Elberfelds Menschen zur Bekehrung führen sollen.
Hier fühlt sich der Achtundzwanzigjährige an der richtigen Stelle, denn er ist ja gewiss, das ganze Elend im Industriegebiet des Wuppertals komme einzig vom schlechten Glauben der Menschen. Jetzt kann er auf die Straßen und in die Häuser gehen, um das Evangelium unter die Leute zu bringen. Und dafür kriegt er auch noch Geld!

Auch politisch fühlt er sich in dem Verein gut aufgehoben. Dessen Mitglieder haben’s nicht mit der Demokratie, denn nirgendwo in der Bibel wird die verlangt. Also ist sie Sünde. Als gehorsame Unterta- nen („jedermann sei untertan der Obrigkeit“, Römer 13!) singen die „Heil dir im Siegerkranz“ mit derselben Inbrunst wie einen Choral. Was die Vereins-Brüder über die vermeintlich von Gott selbst zerbrochene Revolution halten, schreibt ihr Vorsitzender Bouterwek in der von Brockhaus herausgegebenen Vereinszeitschrift Säemann: „...dass die mit Eifer verbreiteten Lehren einer gottlosen Democratie ... wie ein Krebsschaden an dem Marke der sogenannten Volksclassen nagen.“31
Hochwürden Spitzbarth kann aufatmen: Der ärgerliche Brockhaus wird nur noch selten gesehen im Städtchen. Als Lehrer, Schulleiter und vielfacher Vereinsfunktionär in Elberfeld hat er allenfalls während der Schulferien und gelegentlich an Sonntagen Zeit für seine Breckerfelder. Dass die aber Mitglieder im Brüderverein werden und die Bindungen zu Brockhaus unverändert eng sind, ahnt der Prediger wohl nicht.
Um so härter muss ihn irgendwann im Herbst 1850 die schreckliche Kunde getroffen haben: Brockhaus ist wieder da! Er hat den Schuldienst quittiert, und der Elberfelder Verein hat ihn als hauptamtlichen Prediger angestellt für Volmarstein, Hagen und - Breckerfeld! Und nun wildert der ehemalige 3. Lehrer am helllichten Tag in seinem alten Schulbezirk und wirbt Mitglieder für seinen Verein!
Jetzt ist‘s genug! Klassenräume in der Schule für spaltende Missioniererei gibt‘s nicht mehr. Carl Spitzbarth ist aufgegangen, welcher Wolf da in seine schafsfriedliche Herde eingeschlichen ist. Sogar ein Mitglied seines eigenen Presbyteriums soll schon in einer Brockhaus-Versammlung gesehen worden sein. Aber Genaues erfährt Hochwürden nicht. Nichts aus dem „Brüder“-Kreis dringt nach draußen. Das steigert das Misstrauen.
Das Schulverbot aber stört den Jung-Missionar nicht im Geringsten. Jetzt versammelt er sich eben mehr als bisher mit seiner Gruppe in den Häusern: in Brenscheid und Ebbinghausen, in Langenscheid und Holthausen und natürlich auch in der Stadt. So hätten sich schließlich die ersten Christen auch getroffen, wird kolportiert: „hin und her in den Häusern“. In Apostelgeschichte 2 Vers 46 sei das nachzulesen. Das ist stark! Vergleichen die doch tatsächlich die Situation ihrer Gruppe in der Kirche Luthers mit jener der ersten Christen in einer heidnischen Welt!
Sicherlich horcht Herr Spitzbarth mit beiden Ohren in seine Gemeinde hinein, wie sich das unheimliche Treiben wohl weiter entwickelt. Aber auch mit den größten Ohren kann er nicht dahinter kommen, dass die neue Umtriebigkeit des Brockhaus der Beginn einer von langer Hand geplanten Offensive ist. In einer Mitgliederversammlung seines Elberfelder Brüdervereins hat er nämlich kundgetan, er wolle „die Gläubigen in und um Breckerfeld noch mehr als bisher... sammeln und durch regelmäßige Zusammenkünfte die rechte brüderliche Gemeinschaft und wahre Erbauung ... pflegen“.

Lange muss der Prediger nicht warten, da schwappt die Offensive in sein Studierzimmer. Eines Tages melden sich bei ihm drei Männer aus der Kirchengemeinde zu einem Gespräch an. Ihrem Pfarrer eröffnen sie, sie seien hier im Auftrage ihres „christlichen Brudervereins“ und wollten nur mitteilen, dass sie in Zukunft regelmäßig Bibelstunden abzuhalten gedächten.32
Vermutlich hat der Prediger seine Besucher irritiert gefragt, ob ihnen die Angebote ihrer Kirche denn nicht genügten: des Sonntags Gottesdienste um neun und um elf, und jeden Mittwochabend eine öffentliche Bibelstunde im Schulhause. Nein, das genüge ihnen nicht.
Ob sie sich wirklich zutrauten, die Heilige Schrift auszulegen, da sie das doch nicht studiert hätten.
O ja, das trauten sie sich, schließlich seien die Jünger des Herrn Jesus genauso einfache Leute gewesen wie sie.
Bei Hochwürden Spitzbarth müssen die Alarmglocken geläutet haben. Schön, es ist anzuerkennen, dass sie zu ihm kommen und ihn sozusagen vorwarnen. Aber es ist nicht zu leugnen, dass sie sich anmaßen, was doch seines, des Pfarrers Amtes ist. Natürlich steckt der Brockhaus dahinter! Der ehemalige Lehrer hat seine Krakenarme offenbar noch tiefer in die Gemeinde gegraben, als er es befürchtete. Warum kommt der Kerl nicht selbst?
Wer weiß, welche Verirrungen hier einreißen! Und um Erlaubnis gebeten haben sie schon mal gar nicht. Nun werden diese Verirrten also regelmäßig zusammensitzen, laut miteinander beten, die Lieder der Kirche singen, die sie bei ihm in der Kinderlehre gelernt haben und darauf warten, dass einer von ihnen plötzlich, vom Heiligen Geist getrieben, aufsteht und den anderen „die Schrift“ auslegt - am liebsten Brockhaus.
Unfassbar! Jetzt muss gehandelt werden! Falsche Lehren, Predigen ohne Lizenz, private Winkel-“Gottesdienste“ - ist denn so was in Preußen nicht auch ein Fall für die Polizei?
Spitzbarth ist zu allem entschlossen. Und weil es ein preußischer Stadtpfarrer mit der Obrigkeit allemal besser kann als mit Außenseitern der Staatskirche, kriegen die Brockhäuser prompt Gegenwind.
Bei einer Bibelstunde in einer Privatwohnung ist Brockhaus‘ „Amen“ des Eröffnungsgebets noch nicht verhallt, da platzt der Amtmann Meggede33 in die Versammlung. Brockhaus bleibt gelassen: Das Treffen wurde ordnungsgemäß 24 Stunden zuvor bei der Polizei angemeldet. Aber der Amtmann kennt gewisse kleine Mittel: Der Anmeldung lag keine Teilnehmerliste bei. Die Gelassenheit ist dahin, die Versammlung geschlossen, die Teilnehmer verlassen das Haus mit dem Segen des Herrn.
Zwei Tage später marschiert Brockhaus zum Landrat nach Hagen und legt Beschwerde ein. Der hält natürlich mit der Zweieinigkeit Staat-Kirche und kennt ebenfalls die kleinen Mittel: Erst mal will er alles schriftlich haben, dann wird er das pflichtgemäß studieren, und dann müsse eine Untersuchung angesetzt werden. So was dauert.
Am nächsten Sonntag versammeln sich zwanzig Leute, gehorsam mit Namen angemeldet, mit ihrem Evangelisten Brockhaus auf einem Bauernhof außerhalb Breckerfelds. Diesmal poltert ein Polizeidiener an die Dielentür und zeigt eine Verfügung des Amtmanns vor. In der Teilnehmerliste seien auch Frauen genannt. Frauen dürfen nicht teilnehmen. Die Versammlung ist geschlossen, die Teilnehmer verlassen den Hof mit dem Segen des Herrn.
Aber dadurch wird alles nur noch schlimmer, denn in Breckerfeld glaubt kein Mensch, dass die Hochwürdens nichts mit den polizeilichen Maßnahmen zu tun haben, das Frauenverbot ist nicht durchzuhalten, und im Übrigen holen sich die „Brüder“ eben lauter Genehmigungen mit kompletten Namenslisten und können sich nun sogar des polizeilichen Gütesiegels rühmen, das ihnen nicht mehr verweigert werden kann.
Breckerfelds Presbyterium ist höchlichst beunruhigt. In seinem Jahresbericht im Spätsommer 1853 schreibt es an die vorgesetzten Behörden, diese außerkirchlichen Bibelstunden würden „von Vielen aus der Gemeinde und Umgegend besucht“. Im Übrigen: „Welche Leute die Bibelstunden halten ..., darüber kommt nichts zu unserer Kunde.“ (Na, na, Hochwürden!) Ob das denn angehe, „daß diese Leute frei lehren und in größeren Versammlungen die Heilige Schrift auslegen dürfen, während doch jeder Andere, der sonst Unterricht ertheilen will, seine Qualifikation nachweisen und Garantien für seine Moralität geben muß ...“
Man müsse ja auch bedenken: „Sehr leicht können Riße und Spaltungen dadurch entstehen.“ Die Synode möge doch bitte darüber befinden, „ob ein solches Verhalten des Brüdervereins gestattet werden könne“.34 Kleinlaut räumt das Presbyterium ein, dass bei denen, die treu zur Staatskirche halten, „rechter Hunger nach dem Brod des Lebens“ fehle. (Also ist ihr entweder nicht gelungen, was dem Brockhaus gelang: den Hunger herbeizupredigen, oder sie hat die Hungrigen übersehen.)
Der Lutheraner Ludwig Birkenstock aber hat mit dem ganzen Knaatsch nichts im Sinn.

Darbystische Spaltungen beginnen meist mit läppischem Kikifax, scheinbaren Kleinigkeiten, die aber, weil an jedes Wörtchen die ewige Seligkeit angebunden sein kann, schnell gigantische Ausmaße annehmen können. Besonders bei Darby kommt ein ausgeprägter Hang zur Rechthaberei hinzu. Ein Kritiker seines wortgetreuen Glaubens hielt ihm einmal vor, es gebe doch auch ganz belanglose Textabschnitte in der Bibel. Zum Beispiel eine Alltagsbemerkung des Paulus in einem Brief: „Wenn du kommst, bring doch bitte den Mantel mit, den ich in Troas bei Karpus zurückließ ... , und auch die Bücher, besonders die Pergamente.“35 Was würden wir vermissen, wenn Paulus das nicht geschrieben hätte? Eine vernünftige Antwort findet Darby nicht, aber er versucht, mit einer flapsigen Recht zu behalten: „Es war gerade dieser Vers, der mich hinderte, meine kleine Bibliothek zu verkaufen.“ (Zum Mantel fällt ihm nichts ein.)
Das nächste Zerwürfnis in der „Sektenschlucht“ an der Wupper ist aber von vornherein großes Kaliber mit gewaltiger Sprengkraft. Diesmal betrifft es den Brüderverein. Die Vereinszeitschrift „Säemann“ wird in Kürze behaupten, „ein Mitglied des Vorstandes“ habe unverhofft seine Meinung geändert, und das sei die Ursache des Haders.
Gemeint ist Brockhaus. Der hat für sich ein kniffliges Problem auf eine Weise gelöst, die andere nicht anerkennen. Und wieder geht es um Wörtergenauigkeit.
Wer jedes Wort der Bibel für Gottes Wort hält, hat natürlich Schwierigkeiten, wenn verschiedene Zitate einander widersprechen, denn Gott widerspricht sich nicht. Diesmal sind es vor allem zwei:
In Joh. 1,8 heißt es: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns...“ In 1. Joh. 3,6 dagegen steht: „Jeder, der in Ihm bleibt, sündigt nicht“...
Für einen geradeaus denkenden Menschen ist das eine ziemliche Zumutung. Die meisten seiner Anhänger, weit überwiegend schlichte Leute, haben das sicherlich ähnlich platt verstanden wie auch die Mehrheit seiner bibelkundigen Widersacher, nämlich so: Bei der Endabrechnung kommt es nur auf die „neue Natur“ an. Und die kann gar nicht mehr sündigen. Gläubige sind in ihrer neuen Natur sündlos, also regelrechte Heilige. Die alten Sünden vor der Bekehrung sind sowieso längst vergeben. Ergo: Wir Heiligen haben nichts mehr zu fürchten. Der Plattheit höchste Steigerung: Bruder Brockhaus hat die Folgen der Sünde abgeschafft!

Des Brockhaus‘ Gegner-Brüder sind entsetzt über ihren Mitbruder. Sie schimpfen, er habe die Christus-Forderung „Seiet vollkommen!“ umgewandelt in den „Wahn: wir sind vollkommen!“ (Seither ist die Klage nicht verstummt, bei vielen hätte ihr Heiligen-Status Arroganz gegen andere zur Folge, und sie dächten insgeheim: Dies und das hätte ich zwar nicht tun dürfen; jedoch das war nun mal meine alte Natur. Und ich bin ja gerettet, da kann ich mir schon mal das eine oder andere Sündlein leisten!)
Aber der ehemalige Lehrer ist eine starke Persönlichkeit und wortgewaltig. Außerdem wird er schon bald bekannt werden für seine Kampfeskraft bei harten Zusammenstößen. Der wirkt, als gehe er sanften Schrittes in Filzpantoffeln einher, und Öliges triefe von seinen Lippen - aber seine Pantoffeln haben Stahleinlagen, und das vermeintliche Öl legt sich wie ein härtender Panzer auf die Haut. Viele seiner Brüder überzeugt er. Von der Mehrheit aber wird er „zum freiwilligen Austritt veranlasst“, wie Ischebeck später schreiben wird.

Zwischentext
Sündhaft und trotzdem heilig

Hermann Heinrich Grafe in einem Tagebuch-Eintrag vom 20.2.1853
Obgleich das Individuum unteilbar ist, so ist sein Charakter doch eines Dualismus‘ fähig ...; so dass, wenn man so will, ein und der selbe Mensch - dem Wesen nach - aus zwei ganz verschiedenen Menschen - den Eigenschaften nach - bestehen kann.
(Tagebuch-Eintrag vom 20.2.1853)

Rolf-Edgar Gerlach hierzu 1994
(Diese Aussage) hätte - dem Inhalt nach, nicht in der Formulierung - von Brockhaus stammen können. (Seite 76)

Die Zeitschrift der „Brüder“ zur „Heiligung“
Der Gläubige kann mit vollem Recht singen: „Alle meine Sünden hat Sein (Christi) Blut hinweggetan. ...“ Diese neue, durch die Gnade ihm geschenkte Stellung kann der Gläubige nie wieder verlieren.
... (Wir haben), so lang wir noch hienieden wandeln, die alte Natur noch in uns, die immer wieder aufleben und sich auswirken will.
Wenn nun ein Gläubiger gesündigt hat, so hebt das nicht ... sein Kindesverhältnis zu Gott auf.
(„Botschafter des Heils in Christo“, 1924, S. 55 f.)

Adolf Birkenstock, Enkel Ludwigs, in: Die Tenne, Jg. 1925, S. 351
Der auf Erden lebende Gläubige (besitzt) zwei Naturen, die alte und die neue. Die alte kann nur sündigen. ... Die neue ist eine Zeugung Gottes und kann nicht sündigen.

Er geht ohne Zorn, denn er ist absolut überzeugt, seine Position sei die einzig biblische, in seiner Sprache: „schriftgemäß“. Ganz gewiss hat das nichts mit Selbstüberhebung zu tun. Dieser Mann dankt seinem Herrn demütig und auf Knien, dass er ihm die Erkenntnis geschenkt habe. Und er bittet für andere, dass ihnen die ebenfalls zuteil werde.

Zwischentext:
Darbys Gewissheit

I am convinced, I say, we are right in Principle and practice; that our position is the only true scriptural one.

(zitiert bei Geldbach, Seite 92)

Prompt folgen ihm die Breckerfelder. Die sind nun ja auch Heilige.
Das kann einen Kirchen-Evangelischen schon aufregen: Wie diese Sektierer quasi mit einem Heiligenschein durchs Städtchen stolzieren, fast platzend vor Selbstzufriedenheit, und auf Einwände nur milde lächelnd überlegen reagieren!
Wenn der Pfarrer Spitzbarth gehofft haben sollte, das theologische Zerwürfnis in Elberfeld würde ihm in Breckerfeld helfen, so hat er sich gewaltig getäuscht. Carl Brockhaus hat vier Vereine verbraucht, bis er sich im fünften Anlauf endlich selbständig macht und sich nun nicht mehr mit anderen auseinandersetzen muss. Dieser fünfte ist - er selbst.
Zunächst aber gibt es Schwierigkeiten. Nachdem er Schule und Brüderverein geschmissen hat, braucht er Geld, um sich und seine wachsende Familie zu ernähren. Trotz mancherlei Wundergeschichten, die bis auf den heutigen Tag unter seinen Anhängern umlaufen von dringend benötigten Summen, die bis auf den Pfennig genau durch des Herrn geheimnisvolles Wirken ihm unverhofft zugesteckt werden, hapert es am Nötigsten. Von Gebetserhörungen allein kann nicht mal ein Carl Brockhaus leben. Seine damaligen Anhänger wissen vermutlich so wenig wie seine heutigen, dass er eine ganz profane Anstellung findet: bei Julius Löwen, dem Bruder seiner Frau. Der betreibt in Elberfeld die Seidenweberei Löwen & Nordsiek und gibt seinem Schwager eine Halbtagsstelle. (Ob er da wirklich alle Morgen neu pünktlich mit Aktentasche und „Bütterken“ zum Dienst erscheint oder nur ein Kartei-Angestellter ist, wird wohl immer im Dunkeln bleiben.) Zum Glück findet das alles in Elberfeld statt, so dass dem Carl Spitzbarth die Prüfung erspart bleibt, seinem ehemaligen Lehrer auf der Straße zu begegnen.
Aber für Breckerfeld bringt das dennoch keine Ruhe. Denn nun beginnt des Brockhaus‘ große Zeit. Er eröffnet eine private Missionstätigkeit, gibt seine erste Zeitschrift für Erwachsene heraus, ist auf seinen Schwager bald nicht mehr angewiesen und lebt nur noch von Spenden seiner Zuhörer und Anhänger und vom Verkauf seiner Schriften - das zunächst mehr schlecht als recht, dann aber von Jahr zu Jahr besser. Ei: Schon drei Jahre später besitzt er ein eigenes Haus mit großem Garten in Elberfeld. Sprüche Salomonis 10, Vers 22: „Der Segen des Herrn machet reich ohne Mühe“. (Wie viel mehr mit Mühe!)
Er hat nun keineswegs weniger Zeit für seine erste Gemeinde als zuvor. Spitzbarth merkt es zuerst daran, dass sein Widersacher nun nicht mehr nur leibhaftig im Städtchen gesichtet wird, sondern auch seine Zeitschrift „Botschafter in der Heimat“ in Umlauf ist.
Inzwischen hat Brockhaus fast alle erreichbaren Schriften des Engländers Darby studiert, von denen viele bereits auf Deutsch vorliegen, und von ihm übernimmt er das Dogma der „separation from evil“. Das lehrt er sogleich auch seine Breckerfelder Gefolgschaft, und die folgt ihm auch diesmal gläubig.

Von nun an gilt: Mit Falschgläubigen wollen wir nichts zu tun haben; wenn falsche sich bei uns eingeschlichen haben, erwischt die unser Brockhaus, und dann schmeißen wir sie raus.
Er verfasst ein Glaubensbekenntnis von 15 Punkten, fünfmal länger als das jeden Sonntag in der Kirche gesprochene, und seine Gefolgsleute wissen nun, dass „solche Glieder, die nach hinreichender Ermahnung im Ungehorsam beharren, bis zur wirklichen Umkehr von der brüderlichen Gemeinschaft auszuschließen“ sind.
Damit ist der Pilz der Spaltung und Radikalisierung in der ersten Brockhaus-Gemeinde. Was das heißt, wird den meisten Brockhäusern allerdings erst in der nächsten Generation aufgehen.
Ludwig Birkenstock aber sitzt nach wie vor unter Herrn Spitzbarths Kanzel und hat mit der rechten brüderlichen Gemeinschaft und wahren Erbauung noch immer nichts im Sinn.
Aber am Donnerstag, dem 17. Februar 1853, muss Hochwürden gewesen sein, als wäre seine Kanzel auf ihn gestürzt: In seiner Post ist ein Brief des Königlichen Kreis-Gerichts zu Hagen, in dem ihm eröffnet wird, 22 Mitglieder seiner Gemeinde hätten ihren Austritt aus der evangelischen Landeskirche erklärt.36 Ein einziger hat das je gewagt: der Handelsmann Carl Heßler aus Hagen.37 Der muss irgendwie verwirrt gewesen sein. Aus der Kirche tritt man nicht aus. Aber nun gleich zweiundzwanzig. So etwas gab‘s noch nie. Ein Freikirche ausgerechnet in seinem Beritt!
Der Breckerfelder Pfarrer ist kein Weichei. Anno 1823, an der Universität Halle-Wittenberg, hatte er sich auf die Seite der Burschenschaft geschlagen und war für deren liberal-nationales Programm eingetreten. Wer in Preußen den Schneid hatte, öffentlich für eine Beschneidung der Macht Seiner Majestät des Königs zu werben, geheime Gerichtsverfahren verdammte und Rede- wie Pressefreiheit forderte, wusste, was er tat.
Mit Mühe war der Studiosus Spitzbarth dem Berufsverbot entgangen, hatte aber Halle verlassen müssen und nur unter strengen Auflagen in Bonn sein Theologie-Studium beenden dürfen. So einer duckt sich nicht vor einem samtenen Lehrer.
Wahrscheinlich fühlt er sich auch der lutherischen Tradition seiner Familie verpflichtet: Schon Vater und Großvater waren Pfarrer. Da kann er nicht zulassen, dass ein kleiner Schwarmgeist vielen Evangelischen, die einem lutherischen Geistlichen anvertraut sind, die Wahrheit des Martin Luther abschwätzt.
Als Carl Spitzbarth zu sich gekommen ist, nimmt er den Kampf gegen die Brüdergemeinde auf. Noch am selben Tag schickt er seinen Küster Baecker los, das Presbyterium zu einer Sitzung am kommenden Montag einzuladen. Und dann wird er sich wohl unverzüglich an die Vorbereitung seiner Sonntags-Predigt gemacht haben.
Selbigen Abends wird er neuerlich aufgeschreckt. Fassungslos hört er den Bericht des Küsters: Der Rendant weigere sich zu kommen; die Pastöre wüssten schon, warum.30 Spitzbarth weiß es in der Tat: Der eigene Rendant gehört zu den Verrätern! Und das abschätzige „Pastöre“ hat er auch nicht überhört.
Das muss Folgen haben für den Verweigerer! Fragt sich bloß welche. Präzedenzfälle gibt es nicht. Einstweilen muss der Küster die Richtigkeit dieser Nachricht auf seinen Diensteid nehmen, und Spitzbarth lässt es sich schriftlich geben. Was gegen den Renegaten auszurichten ist, wird sich später zeigen.
Das treibt ihn um, was diese Sektierer ihm und seiner geliebten Kirche antun. Die erklären schlankweg alle Pastores im Lande und überhaupt alle Evangelischen für die wahren Sektierer, die Katholiken sowieso.
Sie behaupten, die Lehre der Kirche sei nicht wahrhaftig. Sich selbst heißen sie „wiedergeboren“. Sie hätten nun, frohlocken sie, neben ihrer alten auch diese neue Natur, und die könne gar nicht mehr sündigen. Als „Bekehrte“ hätten sie den Heiligen Geist empfangen und seien „eins mit Christus“ geworden. Sie dürften sich deshalb mit Fug und Recht für Heilige halten (mit der angenehmen Folge, vor dem Jüngsten Gericht keine Angst mehr haben zu müssen). „Gott versichert uns in seinem ewigen Worte, dass wir so völlig vor Ihm von aller Schuld befreit ... sind. Angesichts dieser Thatsache haben wir Freimütigkeit für den Tag des Gerichts.“39 40

Zwischentext
Befreiung oder Unterwerfung?

(Es) kann das Eintreten für Ohnmächtige und Unterdrückte der erste Schritt zu ihrer Befreiung sein, aber auch zu ihrer Unterwerfung unter fremde Erwartungen; selbstlose Hingabe, aber auch selbsternanntes Führertum. Und wo das eine anfängt und das andere aufhört, sind fast unmöglich ganz exakt zu bestimmen.

(Christoph Türcke)

Den Brüderverein musste Brockhaus wegen dieser Lehre verlassen, in Breckerfeld aber widerspricht ihm niemand. Ein Zeitzeuge wird später schreiben, seine Leute seien ihm „blindlings“ gefolgt.
Vermutlich hat der Pfarrer schon lange nicht mehr so gründlich an einer Predigt gearbeitet wie an der des nächsten Sonntags. „Irregeleitet“ wird er die Verräter nennen und „Wiedertäufer“, und den Brockhaus wird er, ohne seinen Namen zu nennen, einen „Winkelprediger“ schimpfen, der seine göttliche Berufung nicht nachweisen könne. Von „geistlichem Hochmut“ wird er reden und Belege für den ungeheuerlichen Vorwurf verlangen, dass die Kirche unbiblische Ordnungen habe. Mit bewegten Worten wird er klagen, diese Leute schmähten die Kirche und verstießen so gegen das achte Gebot. Und natürlich wird er die Darby‘sche „separation“ besonders aufs Korn nehmen: „Der Geist der Liebe lässt es nimmer zu, dass sich der Gläubige, der Starke, oder der es zu sein meint, von dem Schwachen und Wankenden trennt.“
Die Brockhäuser hören es nicht. Sie gehen nicht mehr in die Kirche. Sie greifen sich an den Kopf: Kennt denn ihr ehemaliger Hirte seine Bibel nicht? Der von Paulus im ersten Brief an die Korinther weitergegebene Befehl Gottes lautet doch klipp und klar: „Schaffet den Bösen aus eurer Mitte hinweg!“ Wenn wir das nicht tun, identifizieren wir uns doch mit der Sünde. Wie können wir unter dem Vorwand christlicher Liebe beide Augen zudrücken?
Natürlich wird ihnen hinterbracht, was Hochwürden predigte, doch das juckt sie nicht. Sie sind gewiss, dass sie beim Jüngsten Gericht auf der sicheren Seite sein werden; da kann der Pfarrer predigen, was er will. Wenn er dermaleinst aussortiert werden wird zu den Böcken, wird er schon sehen, was er davon hat!
Sie aber pflegen so oft wie möglich die rechte brüderliche Gemeinschaft und wahre Erbauung.

Es ist gut möglich, dass Ludwig die flammende Predigt gehört hat. Aber vermutlich war er nicht sehr bei der Sache, denn soeben ist ihm das nächste Kind geboren worden, und wenn man sich in der Stube noch bewegen will, ist für die Kinder der Luxus des Zweier-Schlafens vorbei; nun müssen drei von ihnen sich ein Bett teilen.

Spitzbarth gibt nicht auf. In der Presbyteriumssitzung am nächsten Montag lässt er sich die Vollmacht geben, vertraulich den Schwelmer Bürgermeister August Grothe um Rat zu bitten. Anscheinend vertraut er seinen Presbytern, denn wollte einer von ihnen dieses Zusammenspiel von Staat und Kirche ausplaudern, würde zwar nur offenbar werden, was üblich ist und jeder sich denken kann, aber peinlich wäre es doch: Hochwürden kommt mit der Macht von Gottes Wort nicht aus. Sodann holt er sich den Auftrag, die Irrlehren schriftlich zu zerpflücken.
Zwei Tage später, am 22. Februar, schreibt er dem Schwelmer Bürgermeister. Anschließend schickt er einen Brandbrief an das hohe Konsistorium, seine oberste Verwaltungsbehörde in Münster. Natürlich auf dem Dienstweg: Erst an Hochwürden Lohoff, seinen Superintendenten im nahen Dorf Rüggeberg. Der kennt das Problem, denn auch er hat einen Brockhaus als Lehrer am Hals, Carls älteren Bruder Wilhelm. Der ist auch ein Heiliger und pflegt denselben Glauben und ist kaum leichter zu handhaben als der Breckerfelder. Der Superintendent leitet Spitzbarths Brief weiter ins benachbarte Gevelsberg an den Präses der Provinzial-Synode; von dem geht der Hilfeschrei an das Königliche Konsistorium in Münster. Und jeden Tag, den Gott werden lässt, schreibt der Ortspfarrer Spitzbarth sich seine tiefe Enttäuschung und seinen heiligen Zorn vom Herzen. Unter seiner Ob- hut hat sich eine freikirchliche Gruppe von der Kirche losgesagt! Tag und Nacht muss der Mann an seiner Schrift gearbeitet haben, um sie möglichst schnell in die Gemeinde zu bringen.

Dem Schwelmer Bürgermeister ist der Hilferuf des Breckerfelder Pfarrers erkennbar unangenehm. Wenn er sich hier zu weit „aus dem Fenster lehnt“, kann er in Teufels Küche stürzen. Drei Wochen lang lässt er den Brief liegen. Am 15.3.1853 schreibt er endlich an „Herrn Pfarrer Spitzbarth Hochwürden“,41 er wisse leider auch nicht, „wodurch dem sectirerischen Treiben des Brockhaus ein Ziel gesetzt werden kann“, rät dann aber doch, „kleine Mittel zu versuchen, die ein Polizeibeamter, wenn er das Terrain kennt, wohl weiß, die man aber nicht alle aufzählen kann." Ach, die „kleinen Mittel“! Die haben doch längst versagt.

Übertragung des Briefs durch GS:

Ich bedaure sehr, dass es mir nicht möglich gewesen, Euer Hoch-|
würden Schreiben vom 22 Fe (Februar) noch früher habe beantworten,|
|noch mehr aber (,) Ihnen keine bestimmten Rathschläge ertheilen |
zu können, wodurch dem sectirerischen Treiben des Brockhaus |
ein Ziel gesetzt werden kann.- Mit den gesetzlichen Be- |
stimmungen ist so ohne weiteres nicht durchzukommen; die |
Polizei muß in solchen Fällen laviren u. kann erst dann |
einschreiten, wenn sich hierzu eine passende Gelegenheit findet. |
Das, was gesetzlich geschehen kann u. was mir darüber |
bekannt geworden, habe ich dem Sergeant Mengden (?)
Mitgetheilt, indessen ist dieses, (?) durch das
(?)ciationsgesetz *) gewährleisteten Versammlungsrecht |
so wenig, dass damit ohne sonstige Veranlassung nicht durch-|
zukommen ist.
Wird durch solche Versammlungen schlechter Same gestreut, ohne |
dass strafbare Handlungen in denselben vorkommen u deshalb |
nicht eingeschritten werden kann, so bleibt nichts anders |
übrig, wenn diesem schädlichen Treiben ein Ende gemacht werde |
..., als kleine Mittel zu versuchen, die ein Polizeibeamter, |
wenn er das Terrain kennt, wohl weiß, die man aber nicht alle auf- |
zählen kann.
Mit der größten Hochachtung u Eile
Ihr ergebenster
Schwelm, 15.3.53
(Grothe)

*) GS: Landgemeindeordnung vom 11.3.1850

Die Münsteraner schicken auf dem Dienstweg frommes Blabla zurück, mit Gewalt sei da wenig zu machen, die Kirche werde sich „auf die Anwendung der ihr verliehenen geistlichen Mittel zu beschränken haben“. Und wenn Gott dem Bruder Spitzbarth helfen solle, müsse der seine Anstrengungen natürlich erst mal „verdoppeln“. Auch das noch! Immerhin: Die Idee mit der Polizei hat man in Münster auch.
So schnell gibt ein rechter Lutheraner nicht auf, wenn es um seine geliebte Kirche geht. Keine vier Wochen nach dem Austritt der 22 hat der Mann seine Schrift wider die „Winkelprediger“ in einem Gewaltakt sich von der Seele geschrieben und auf Kosten seiner Kirchenkasse im nahen Hagen drucken lassen, und nun überschwemmt er damit seine Gemeinde. Punkt für Punkt zerpflückt er das „Glaubensbekenntnis“ der Sektierer, das die ihrer Austrittserklärung beigefügt haben. Den Verursacher allen Übels, seinen ehemaligen Untergebenen Brockhaus, nennt er beharrlich nicht mit Namen und redet von ihm nur im Plural, beklagt, die Verführer hätten sich „in unsere Gemeinde hereingeschlichen und in Winkeln und im Verborgenen das Unkraut ihrer Lehren ausgestreut“. Dass er einen zwar nüchter-nen, dafür aber im Winter angenehm warmen Winkel zum Krautsäen selbst zur Verfügung stellte, nämlich seine eigene Schule, hat er vielleicht verdrängt.
Ach, sein Zorn hat ihm das falsche Mittel eingegeben. Mehr als sechstausend Wörter, eng und klein gedruckt, sind einfach zu viel für eine Landgemeinde mit „eingeschränkter Denkungsart“, in der viele erleichtert aufatmen, wenn sie einen ganzen Satz entziffert und auch noch verstanden haben, andere gerade mal ihren Namen schreiben können, manche Frauen nicht mal das - allein drei der acht Unterzeichnerinnen haben ihre Austrittserklärung mit drei Kreuzen unterzeichnen müssen!
Brockhaus ist von den Gegenmaßnahmen nicht beeindruckt. Auch er schreibt. Nämlich an John Nelson Darby, dessen Schriften er schon so oft verbreitet hat. Anfang Mai kommt „mit herzlicher Liebe in Christo Jesu“ des Vielzitierten Antwort:
„Lieber Bruder! ... (Wir sind) alle in dem gleichen Zustande. ... dieselben Schwierigkeiten, dieselben Prüfungen, dieselben Leiden ... Man muss sich vor diesen Anstrengungen des Feindes nicht fürchten, weil der, der mit uns ist, stärker ist als der, der wider uns ist. Nur muss man sich nahe beim Herrn halten und mit Ihm wandeln, damit wir seine Stärke besitzen und das Bewusstsein haben, dass der Herr selbst mit uns ist, auf dass die Klarheit seines Angesichts auf uns glänze...“
Und so weiter und so weiter. Wahrhaftig kein besonderer Brief, eher fromme Gebrauchsprosa mit den üblichen Floskeln. Und doch ein besonderer Brief. Denn er kommt vom großen Darby persönlich.

Pfarrer Spitzbarth schreibt weiter, denn noch hat er das schreckliche Erlebnis nicht verarbeitet, dass ein ganzer Schwarm ausgerechnet seiner Gemeindeglieder seine Kirche verlassen hat. Bei der Bewältigung des Schocks soll ihm wohl helfen, dass er seine kleine für die Gemeinde gedachte Schrift zu einem Büchlein ausarbeitet, worin er den Glauben der Münsterschen Wiedertäufer und seiner Brockhäuser zugleich seziert. Vielleicht hat er dabei auch an seinen Ruf gedacht: Ausgerechnet dem Bruder Spitzbarth laufen die Schäfchen davon! Innerhalb weniger Monate erscheint auch die zweite Schrift.
Hochwürden schöpft Hoffnung, als ihm im September sein Superintendent eine Circularverfügung des preußischen Justizministers schickt, wie mit Ausgetretenen zu verfahren sei, die in den Schoß der Kirche zurückkehren wollen. Der Pfarrer legt die nicht bei den Verfügungen ab, sondern in der Mappe „Brüdergemeinde“. Er rechnet wohl damit, einige der Verräter wiedergewinnen zu können. Aber drei Wochen später muss er die nächsten Austritte zur Kenntnis nehmen: ein Ehepaar und die Ehefrauen zweier abtrünniger Männer, die anscheinend etwas länger brauchten, bis sie ihre Weiber so weit hatten.
Was Pfarrer und Presbyterium wissen, wird längst Stadtgespräch sein: Manchen Männern gelingt es überhaupt nicht, die Angehörigen auf ihre Seite zu ziehen. Längst geht der Riss mit „Zwietracht und Erbitterung“ auch durch viele Familien. „Gehorsame Kinder haben ihre alternden Eltern verlassen“, um dem Brockhaus nachzulaufen, klagt der neue Superintendent. Stundenlang seien die Leute unterwegs zu ihren Versammlungen auf oft verstreut liegenden Höfen. Sie ließen ihre Arbeit im Stich, bloß um mit ihrem Idol das zu haben, was sie „rechte brüderliche Gemeinschaft und wahre Erbauung“ nennen.
Und immer wieder versucht Spitzbarth, den Wolf aus der Schafherde zu vertreiben. Sogar Breckerfelds Bürgermeister findet eine Handhabe, Carl Brockhaus mit einer Ausweisungsverfügung zu überziehen - ausgerechnet an einem Silvesterabend.
Der aber findet in jedem Zaun ein Loch. Und während noch die Kirche über neue Abwehrmaßnahmen nachdenkt, fängt Carl Brockhaus nun doch an, seine Anhänger zum zweiten Mal zu taufen. Da hat er bisher mit Fleiß vermieden. Er selber gehört auch unverändert der Kirche Martin Luthers und Carl Spitzbarths an.
Und darin bleibt er vorerst auch. Obwohl er eine von der Kirche freie Glaubensgemeinschaft installiert hat, denkt er offenbar nicht ernsthaft an eine Freikirche.
Ludwig Birkenstock aber hat mit den frommen Händeln noch immer nichts im Sinn. Es ist zweifelhaft, dass er seines Pfarrers Schrift überhaupt gelesen und den Religionsstreit mehr als nur flüchtig zur Kenntnis genommen hat.
Dann aber kann Hochwürden abermals Trost und Hoffnung schöpfen. Trost, weil es die Kirche im nahen Volmarstein und Grundschöttel noch viel schlimmer trifft: Da läuft ein Pastor samt seiner „Pastorin“ genannten Ehefrau zu den Baptisten über und zieht nach und nach weit mehr als eine halbe Hundertschaft Gemeindeglieder mit sich.42
Und Hoffnung, weil nach ein paar Jahren die gröbste Energie der Breckerfelder Sektierer verbraucht ist; der Alltag hat sie wieder. Die stundenlange Lauferei zu den weit auseinander liegenden Erbauungs-Versammlungen wird lästig und geht ins Geld, der Reiz des Revolutionären einer Freikirche wird schal und findet kaum noch neue Interessenten, und die Heiligkeits-Euphorie lässt auch nach. Neue Austritte aus der Landeskirche gibt es kaum noch. Lieber Gott: Läuft sich die Sache vielleicht tot?
Da sei Carl Brockhaus vor! Der merkt natürlich den schwindenden revolutionären Schwung. Und sogleich wird Spitzbarths Hoffnungsfünklein zertreten - schon wieder von einem Brockhaus, diesmal Carls Bruder Wilhelm, der aus Rüggeberg nach Breckerfeld zieht. Alsbald nimmt das „Wühlen“ der Sektierer wieder zu, wie das Presbyterium jammert.
Aber der Pfarrer ist zäh. Der lässt sich nicht unterkriegen, von einem samtenen Volksschullehrer zuletzt. Gut vorstellbar, dass er von Haus zu Haus marschiert und Wackelkandidaten bei der kirchlichen Stange hält. Jedenfalls ist der Erfolg von Brockhaus II trotz allen Wirbels gleich Null, neue Fahnenflüchtige kann auch er nicht rekrutieren. Das macht Mut.

Endlich, im Jahre 1854, ist Mister Darby zum ersten Mal in Deutschland. Er kommt nach Elberfeld, eingeladen von Carl Brockhaus - und bleibt gleich den ganzen Winter über. Die beiden helfen zwei Altsprachlern und Glaubensgenossen bei der Neuübersetzung des Neuen Testaments. Bis auf den heutigen Tag wird diese Leistung anerkannt, und der Text ist nicht nur in „Versammlungen“ der einzig akzeptierte.
Während seiner Elberfelder Zeit wird der Deutsche von dem herrischen, fanatisch konsequenten und zu Kompromissen unfähigen Engländer endgültig radikalisiert. Aus der deutschen Brüdergemeinde wird eine Freikirche radikaler Prägung. Einer, der Darby gut kennt, nennt ihn einen „Ignatius Loyola unserer Zeit“. Was nahezu alle bezeugen, die mit dem Darby zu tun hatten, widerfährt auch dem ehemaligen Lehrer: Er unterwirft sich der stärkeren Persönlichkeit. Nur in der Taufe behält er sein eigenes Profil, weil seinem Gast ziemlich egal ist, wann ein Mensch getauft wird.
Mit Darby wird die Unerbittlichkeit der Lehre der deutschen „Brüder“ zementiert. Wer nicht genauso glaubt, wie Darby es vorglaubt, den müssen wir absondern, sonst steckt er uns an.
Und da ja nur wir die Seligkeit erwarten dürfen, heißt das mit anderen Worten: Wenn er „im Ungehorsam beharren“ will, dann haben wir ihn durch den Rausschmiss dem Höllenpfuhl überantwortet. Dass irgendein Hochwürden auf dem Lande das für „lieblos“ hält, können sie überhaupt nicht verstehen. Es ist schließlich Gottes Vorschrift!
Welche Folgen diese Unerbittlichkeit hat, ist in England zu studieren, wo es ein Chaos von Spaltungen, Splitterungen und Rausschmissen gibt. Für Deutschland werden sich die Folgen erst zeigen, wenn der Brüder-Glaube nicht mehr von Carl Brockhaus diszipliniert werden wird.

Zwischentext
Der Radikalisierer

(Darbys Besuch bei Brockhaus 1854) hatte zur Folge, dass Darby der deutschen „Brüderbewegung“ seinen Stempel unverkennbar aufgeprägt hat ... (Wilhelm Bartz, Seite 106)

Von diesem Besuch ab ist sein (Darbys) Einfluss auf die deutsche Brüderbewegung in Lehre und Entwicklung von entscheidender Bedeutung gewesen. ... Stets hat er (Brockhaus) die Forderung der Trennung von allen „Systemen“ mit Überzeugung vertreten und damit das für Außenstehende pharisäisch anmutende Überlegenheitsgefühl der deutschen „Brüder“ gegenüber allen anderen... gefördert. (Gerhard Jordy, Band 1, Seite 35 und 89)

(Ab 1854 war zwischen beiden eine) Verbindung, die der deutschen „Brüderbewegung“ unbedingt das Gepräge Darbys gegeben hat. ... (Ulrich Kunz, Seite 214)

Erst mit dem energischen Eintreten des unternehmungsfähigen Karl Brockhaus kam (Darbys) Richtung der „Versammlung“ in Deutschland in Lauf ...
(G. Ischebeck: 16. Fortsetzung, Nr. 21/22)

Die sektiererischen Züge, die durch Darbys Einführung des Prinzips „Separation from Evil“ ... in die Brüderbewegung getragen wurden, hat man im Laufe der Jahre erkannt ....
(Rolf-Edgar Gerlach, Seite 256 f.)

All die Jahre hatte Voormanns Arbeiter Ludwig Birkenstock mit den frommen Fanatikern nichts im Sinn. Aber das ändert sich. Sein Schicksalsjahr ist 1857. Am Tag nach dem Nikolausfest zerrt der Arzt aus seiner Frau Amalia das siebte Kind heraus - einen toten Knaben. Sechs Tage noch kämpft sie um ihr eigenes Leben, dann stirbt sie. Ludwig steht mit fünf unmündigen Kindern allein, aber ehe der Kirchenbuchschreiber seinen Federkiel in die Tinte getunkt hat, sind es nur noch vier - da ist auch der kleine August gestorben.
Was fühlt ein Mann, der zusieht, wie die Hebamme ein blutiges Bündel an ihm vorbeiträgt, um es der Vorschrift gemäß heimlich in einer Friedhofsecke vergraben zu lassen?43 Was fühlt er, wenn er am frühen Wintermorgen gegen fünf das Öllicht anzündet, sich ein Stück Brot abschneidet, den Ofen anheizt und neben ihm die Frau im Kindbett stöhnt? Wenn er zwölf Stunden später, abermals bei Dunkelheit, ermattet und nass geschwitzt von der Arbeit kommt, die Frau apathisch im Bett liegt und vier Bälger auf engstem Raum um sie herumwuseln? Wie mag er die notdürftigste Versorgung von Frau und Kindern während seiner Arbeitszeit geregelt haben? Und wie hat er das erlebt, als der Arzt sich vor dem Bett der Frau aufrichtet, ihn ansieht und erklärt, seine Jugendliebe, Beileid!, sei tot? Wenn der Schreiner seine schwielige Hand aufhält und Ludwig ihm zwei lange gehütete Taler darein zählt? Wenn er für die Eintragung des totgeborenen Kindes ins Kirchenbuch die Rechnung erhält? Wie bewegt sich so ein Mensch in der Stube, wenn neben dem großen Fichten-holzsarg der Frau ein kleiner mit der Leiche seines August steht? Und immer noch vier Kinder versorgt werden wollen und immer noch der Arbeitstag zwölf Stunden hat? Wie versorgt er Haushalt und Kinder, wenn nach ein paar Wochen die Nachbarschaftshilfe nachlässt? Die vierzehnjährige Wilhelmina ist jedenfalls auf Dauer mit der Versorgung ihrer drei jüngeren Geschwister überfordert.
Als die Blumen auf den beiden Gräbern verwelkt sind und nach wie vor vier Bälger durchs Haus wuseln, taucht er aus seinem dumpfen Schmerz in ständiger Überforderung auf. Es hat in den letzten Wochen gewisslich nicht an allerlei aufmunternd gemeinten frommen Durchhalte-Sprüchen gefehlt. Aber eine christliche Äußerung muss ihn anders berührt haben als die anderen: Unser Meister, der Bruder Brockhaus, kommt wieder! Komm doch mal zu uns!
Wann was genau geschah, ist nicht mehr festzustellen. Vermutlich nahm er mehrmals oder gar regelmäßig an den Versammlungen der „Brüder“ teil, und vielleicht hat er da zum ersten Mal Trost als hilfreich verspürt, wenn die Männer und Frauen die Hände falteten und laut für ihn beteten. Das haben ihm Hochwürden Spitzbarth und die Seinen nicht geboten. Und als sehr wahrscheinlich können wir annehmen, dass die kleine Gemeinde nicht nur für ihn betet, sondern in seiner verzweifelten Lage auch praktisch hilft, etwa bei der Versorgung der Kinder, wie das ihres Leitbilds Brockhaus Art ist.
Nach und nach im Laufe des Jahres 1858 müssen sich seine Beziehungen zu den „Brüdern“ gefestigt haben. Aber sein Leben hat er deshalb noch nicht geändert. Der Umsturz steht ihm noch bevor. Daran ist Carl Brockhaus vermutlich persönlich beteiligt, denn aus dessen kleiner Herde hat wohl kaum einer das Zeug für die nun fällige Attacke gegen Ludwigs alten Adam.
Dem Proletarier Birkenstock geht es doch wahrhaftig schon schlecht genug. Und nun macht ihm der ehemalige Lehrer auch noch klar, dass seine Existenz Gold ist zu dem, was ihm bevorsteht.
Du, Ludwig, bist so durchseucht von Sünde, dass du keine Chance hast. Mach dich auf Schreckliches gefasst. So unvorstellbar schrecklich ist das, dass Gott, der ein Gott der Liebe ist, es nicht mit ansehen kann. Er gibt sich Mühe, die Menschen vor diesem Schicksal zu bewahren. Er will nämlich, dass alle Menschen errettet werden. Hat er selbst gesagt. Nachzulesen in Erste Timotheus zwei, Vers vier. Bei den meisten Menschen versucht er‘s zuerst im Guten.
Auch um dich, Ludwig, hat er sich jahrelang bemüht. Aber du verstockter Sünder hast es nicht gemerkt. Er hat dich gesegnet, indem er dir das tägliche Brot gab, ein Dach überm Kopf und Gesundheit. Meinst du, das sei Glück oder dein Verdienst gewesen? Von wegen: Gnade war es!
Nachdem du als unmündiger Hurenbock Peter Mesenhöllers Witwe Amalia das Kind gemacht hattest, als sie eigentlich noch hätte trauern müssen, und du dich und deine Eltern wegen deiner fleischlichen Gier in eine verzweifelte Lage gebracht hast, hat er dir herausgehol- fen, indem er deinem Vater die Zustimmung zur vorzeitigen Heirat eingab, sich auch noch um ein Zimmer und Hochzeitsgeschenke kümmerte und schließlich dein Kind der Sünde gesund zur Welt kommen ließ. Alle diese Gnade hast du für Glück oder Zufall gehalten. Du Narr!
Aber immer noch war Gott geduldig und hat es weiter im Guten mit

Zeitsprung: Drei und vier Generationen später
Berichte von Nachgeborenen: Angst (1)

Elisabeth S., *1908, Urenkelin Ludwigs, am 21.10.1986
Wir hatten schon als Kinder große Angst vor der Hölle, wenn wir kein Bekehrungserlebnis hätten.

Reinhold Sennlaub, *1903, Schwager einer Urenkelin Ludwigs, im Oktober 1975
Die Höllenangst, die von diesem oder jenem versucht wurde, in uns hervorzurufen, hatte auf uns Jugendliche überhaupt keine Wirkung. ... Wir hatten vielmehr ein ganz bestimmtes, wenn auch manchmal unartikuliertes Verständnis von Gottes Erbarmen.

Werner L, *1911, Ehemann einer Urenkelin Ludwigs, am 2.3.1997
Frage: Hast du dich bekehrt, weil du Angst vor der ewigen Ver-dammnis hattest?

Antwort: Ja, auch.

Frage: War die Angst danach geringer?

Antwort: Die war weg. Bis heute.

Gerhard Sennlaub, Ururenkel Ludwigs, *1933
Auf vier Feldern haben sie mir Angst gemacht. Erstens natürlich vor der ewigen Verdammnis. Zweitens, dass ich mich zurückgelassen finden könnte, wenn der Herr die Seinen entrückt hätte. Drittens vor dem unwürdigen Essen und Trinken des Abendmahls, womit man sich selber um Kopf und Kragen esse und trinke („sich selber zum Gericht“: 1. Korinther 11.29). Viertens mit ihrem liebsten Thema, das aber immer nur mit düsteren Andeutungen und Umschreibungen behandelt wurde: der Sexualität.

dir versucht. Er hat dein Weib auch noch die kleine Amalie für dich gebären lassen. Du hieltest das für selbstverständlich. Nichts hast du dir dabei gedacht.
Dann starb dein alter Vater. Das war ein Zeichen für dich, an den Tod zu denken und daran, dass du für dein Seelenheil sorgen musst. Und was hast du getan? Gerade mal um die Beerdigung des Alten hast du dich gekümmert!
Da musste Gott anders mit dir reden. Er hat dir die kleine Amalie wieder genommen. Gejammert hast du; aber hast du auch daraus gelernt? Nein, noch immer nicht.
Gott in seiner unendlichen Gnade hat es trotzdem weiter mit dir versucht. Direkt vor deiner Nase hat er die kleine „Brüdergemeinde“ wachsen lassen. In deiner Verblendung hast du das nicht als Angebot an dich verstanden und hattest nichts mit dem rettenden Evangelium im Sinn.
Deine Mutter starb. Du hast bloß gemault, weil es für dich nichts mehr zu erben gab. Anlass zum Nachdenken war ihr Tod ebenso wenig wie der deines Vaters. Im Gegenteil, deine Frau hatte dir inzwischen wieder zwei gesunde Kinder geboren. Dass die eine Gnadentat Gottes gewesen sein könnten, mit der er geduldig um dich warb, kam dir nicht im Traum in den Sinn.
Nun musste Gott zu anderen Mitteln greifen. Den kleinen August, der den Namen von Amalias Erstgeborenem weitertragen sollte, ließ er dich nur tot sehen, als ihn die Hebamme heraustrug, und deine Amalia quälte sich eine Woche lang zu Tode. O ja, das war schrecklich für dich. Aber Gott hat sein Ziel erreicht. Denn du fandest den Weg in den Brüderkreis.
Und hier endlich hast du angefangen zu begreifen. Des Brockhaus‘ Worte haben mit Gottes Hilfe deinen Panzer durchdrungen. Du bist erschrocken über deinen sündigen Zustand. Plötzlich wurde dir klar, dass du stracks auf dem Weg in die Hölle bist und was das für dich bedeutet.
Wie lange die Attacke der „Brüder“ auf Ludwigs alten Adam währte, wird sich nie feststellen lassen. Dass sie in dieser Form stattfand, ist ausgemacht. Carl Brockhaus selbst hat das Verfahren auf ungezählten Seiten seiner Schriften jahrzehntelang immer wieder dargestellt

Zwischentext
Angst (2): Wie Carl Brockhaus seinen Kindern Angst macht

Geliebte Kinder!
Es ist mir sehr lieb, dass Ihr, lieber ... und ..., mir einige Zeilen geschrieben habt, doch wird es mir schwer, weil ich noch immer nicht das geringste Verlangen nach Jesus bei Euch verspüre. ... Ich komme ihm immer näher, und Ihr entfernt Euch immer mehr, und wenn es so fort geht, werden wir bald für ewig getrennt sein. ...
Die einzige Zeit der Gnade, die Gott zu Eurer Errettung gegeben hat, versäumt ihr. Ist sie dahin, so ist alles für immer dahin, und es folgt ein schreckliches Gericht und eine ewige und schreckliche Verdammnis. (Abgedruckt in: Die Botschaft, Jahrgang 87, 1/1939, S. 135)

und ständig verfeinert: Zuerst muss der Mensch seine Sündhaftigkeit erkennen; dann muss man ihm klarmachen, dass er in ewiger Verdammnis enden wird. Nicht die Sehnsucht nach der Liebe Gottes, sondern die so erzeugte Angst soll zum Motor der Umkehr werden.
Nach diesen Regeln muss das Verfahren auch bei Ludwig durchgeführt worden sein: Du denkst, einigermaßen gottwohlgefällig zu leben, nicht in allen Punkten, aber doch in den meisten. Da machst du dir was vor. Neunundneunzigmal gottwohlgefällig gehandelt zählt null, wenn auch nur einmal sein Zorn geweckt wurde. Dann bist du dran! Brief des Jakobus, 2. Kapitel, zehnter Vers: Wer alle Gebote hält und auch nur in einem einzigen Punkte „strauchelt“, der ist insgesamt schuldig. Und einen schwachen Punkt hat jeder; auch du.
Du hast doch auch mal als Nagelschmied gearbeitet. Erinnerst du dich an den Nagelschmied Franz Luckemeyer? Der ist ja nun tot, der Arme. Der hatte für die Ewigkeit nicht vorgesorgt, ging eben nur zum Prediger Spitzbarth. Siehst du, und jetzt ist er in einer andern Welt, und da geht‘s ihm schlecht. Aber seine Witwe, die Sophie, hat aus seinem Schicksal gelernt. Die hat sich inzwischen bekehrt und gehört zu uns.
Vielleicht hast du dir anfangs eingeredet, Du könntest dir mit einer Entscheidung Zeit lassen, weil du noch jung bist. Das tun fast alle. Aber es steht geschrieben, dass vor der schrecklichen Generalabrechnung der Herr Jesus wiederkommen wird, wenn kein Mensch damit rechnet, um seine Gefolgsleute in Sicherheit zu bringen, damit sie die folgende Schreckenszeit nicht erleben müssen. Lukas 17, Vers 34: „In derselben Nacht werden zwei auf einem Bette liegen; einer wird angenommen, der andere wird verlassen werden. ... Zwei werden auf dem Feld sein; einer wird angenommen, der andere wird verlassen werden.“

Zeitsprung: Drei Generationen später
Berichte von Nachgeborenen: Angst (3)

Willy K., *1908, Ehemann einer Urenkelin Ludwigs, im Juli 1975
Ich war als Kind mehrfach nach Düsseldorf mitgenommen worden zur Großmutter, ... und da hab‘ ich da hinten im Schlafzimmer gelegen, und im Zimmer davor, da schlief die Großmutter. ... Und die ... hatte eine Angewohnheit, das ist mir noch besonders bewusst: Ich hörte immer so das Ausatmen. Irgendwie machte das ‘n Tönchen. Ich war immer froh, wenn ich das Tönchen noch hörte. Dann wusst‘ ich, dass sie noch da war, dass der Herr Jesus noch nicht gekommen war.

Hanna K., *1909, Urenkelin Ludwigs, im Juli 1975
Ich kann genau sagen, was ich als Kind empfunden habe... (Es hieß) in der Sonntagsschule: ‚Wenn der Herr Jesus kommt und ihr seid nicht bekehrt - Vater und Mutter gehen mit und Freunde und Bekannte - und ihr müsst dableiben.‘ Das war für mich so schrecklich, dass das bis in meine Träume ging. ... Und wenn ich abends im Bett lag und es war alles still, ... dann hab ich mich aufgesetzt und hab‘ gedacht: Jetzt ist der Herr Jesus gekommen und hat mich nicht mitgenommen! Aber dann hörte ich auf einmal, wie sie (Geschirr) spülten und Messer und Gabeln in die Schublade legten und die vertrauten Geräusche: Ach nein, er ist nicht gekommen, ich kann schlafen!

Ihr werdet euch wundern, wer in Breckerfeld eines Tages plötzlich spurlos verschwunden ist! Wenn ihr Pech habt, wird das schon morgen passieren. Dann sollt ihr wissen, dass ihr euch auf das Schlimmste gefasst machen müsst: Das schreckliche Gericht steht bevor.
Was Ludwig in diesem Jahr erlebt und entscheidet, ändert nicht nur sein Leben. Mit ihm beginnt, was sich in ähnlicher Weise generationenlang in Hunderten seiner Nachkommen wiederholen wird. Der Verlauf der Dinge wird immer ähnlich sein. Am Anfang jedenfalls steht meist die Angst.
Voormanns Arbeiter hat jetzt begriffen, was für ein von Sünden durchseuchtes Subjekt er ist. Endlich, Birkenstock, hat dich der Herr Brockhaus wachgerüttelt! Du bist „erweckt“. Das ist der Anfang deiner Wiedergeburt. Jetzt, da du unter einem Gebirge von Angst begraben liegst, bist du reif für die Hoffnung, die der Herr Lehrer Brockhaus dir eröffnet: Du hast eine Chance!
Die ist, das hört er immer wieder, Jesus. der Sohn dieses unvorstellbaren Gottes, vor 1858 Jahren auf die Erde geschickt. Und weißt du warum? Um sich umbringen zu lassen. Du schüttelst den Kopf? Aber so war es, so steht es in der Bibel. Wirklich!
Jetzt das Wichtigste! Für dich, Ludwig Birkenstock, hat er sich quälen und ermorden lassen, stellvertretend, denn eigentlich wärst du demnächst dran, weil du so von Sünden zersetzt bist! Für den Fall, dass du dich ihm unterwirfst, hat er das vorab für dich auf sich genommen.
Du verstehst das nicht? Einwände stotterst du, er habe dich doch damals noch gar nicht gekannt? Hör auf zu fragen! Einfach glauben sollst du, dass es so ist. Du kannst es ja selber nachlesen in der Bibel. Deine Fragerei macht alles nur kompliziert. Glaube! Es ist ganz leicht. Wenn du dir das immer wieder vorsagst, es schließlich für möglich und wahr hältst, geschieht etwas Ungeheuerliches: Deine ererbte und deine täglich selbst gemachte Bosheit wird nach deinem Tode nicht zur Sprache kommen. Deine Schuld ist gelöscht. Dann bist du gerettet. Statt ewiger Qualen in der Hölle steht dir eine phantastische Ewigkeit bevor.
Du kennst doch den Kleinschmied Theodor Bröcker und den Nagelschmied Friedrich Hoppe aus Brenscheid? Und den Fitzenschmied Adam Roese aus Langscheidt, den kennst du doch auch. Der hat sich schon Anno 1853 bekehrt, und jetzt ist er ein für allemal in unserer Brüdergemeinde in Sicherheit. Merkst du was? Lauter Schmiede. Jetzt du! Ergreife deine Chance! Wirf dich vor Gott auf die Knie. Bekenne voller Entsetzen über dich selbst deine Sünden und schreie um Vergebung. Gott wird dich erhören. Das tut er bei ehrlich reuigen Sündern immer. Und plötzlich wird dich eine freudige Erleichterung erfüllen, weil du spürst, dass Gott dir deine Sünden vergeben hat. So was spürt man plötzlich. Dann endlich wirst du bekehrt sein, und das Schlimmste ist erst mal abgewendet.
Da hat er sich „bekehrt“, der Ludwig Birkenstock, und John Nelson Darby stand bereit, seine Herrschaft anzutreten.
Von nun an wird dieses Verfahren so oder ähnlich in Ludwigs Nachkommen ablaufen. Er wird es seinen Kindern besorgen, die wieder in ihren Kindern und so fort.
Nach wie vor sitzt Ludwig sonntags unter der Kanzel des Predigers Spitzbarth, und der ahnt nicht, dass der Birkenstock ein anderer Mensch geworden ist.

Carl Brockhaus ist nicht mehr der „Herr Lehrer“, sondern „Bruder Brockhaus“. Gläubig folgt Ludwig dessen Botschaft: Wie du, Bruder Birkenstock, deinen Weg nun zu gehen hast, steht in der Bibel. Wort für Wort hat Gott es uns höchstpersönlich mitgeteilt. Dazu hat er Menschen wie den Paulus benutzt. Diesen hat er irgendwie eingegeben, was sie der Menschheit ein für allemal sagen sollen.
Ziemlich geheimnisvoll ist das zwar oft, und man muss auch lernen, mit Verschlüsselungen und Andeutungen zurechtzukommen. Manches scheint auch widersprüchlich, das verstehen wir vielleicht erst, wenn wir immer wieder darüber nachdenken und weiter in der Bibel suchen. Schließlich hat Gott uns im Evangelium des Johannes den Auftrag gegeben: Suchet in der Schrift! Einiges werden wir aber wohl nie verstehen. Dann bleibt das eben ein „göttliches Geheimnis“. Dermaleinst wird es uns offenbart werden.
Merk dir das: Wenn du nicht deine ewige Seligkeit riskieren willst, hast du jedes Wort für verbindlich zu halten. Kein einziges steht zufällig in der Bibel. Schon der geringste Zweifel ist Sünde.

Zeitsprung: Drei Generationen später
In der „Johannes-Stunde“: Bekehrungen (1)

Reinhold S., *1903 , Schwager einer Urenkelin Ludwigs,
Tonbandaufzeichnung am 21.4.1976

Reinhold S.: Zu Silvester, das muss 1924 gewesen sein, hat sich der Johannes Sch. bekehrt. ...
Wir aßen erst Teilchen, setzten uns dann ans Harmonium und sangen „Versammlungs“-Lieder. Plötzlich hieß es: „Geht mal alle raus!“ Wir gingen. Johannes, das war der dritte Sch.-Sohn, seine Eltern und die Tante blieben allein im Zimmer. Weshalb? Einer wusste: „Der Johannes will sich bekehren!“ Der und die Familie hatten sich vorgenommen: Er soll bekehrt ins neue Jahr gehen! Dabei hatte der sich schon ein-, zweimal bekehrt.

Frage: Was fand wohl hinter der Tür statt?
Antwort: Die Eltern und die Tante haben den bekniet.

Frage: Wie ging das vor sich?
Antwort: Fast nur mit Bibelsprüchen. Also zum Beispiel: „Christus ist gestorben für unsere Sünden.“ „Er hat sich dahingegeben.“

Frage: Was tat der zu Bekehrende?
Antwort: Der kniete dabei und schrie zu Gott, wie es damals hieß.

Frage: Hat der sich in eine Bekehrungsstimmung gebracht, sich allmählich in eine Bekehrung hineingesteigert?
Antwort: Ja, genau so. Die Bekehrung sollte möglichst in einer „Johannes-Stunde“ stattfinden. Im Johannes- Evangelium 1.40 wird berichtet, Christus habe zwei Jünger gerufen. „Und sie folgten ihm nach. Und es war die zehnte Stunde.“ Also vier Uhr nachmittags. Darum hieß das „Johannesstunde“. Von der wurde oft geredet.
Auf einmal erklang auf dem Harmonium: „Auf dem Lamm ruht meine Seele“. Dann ging die Tür auf, und alles war freudeglänzend. Stumme Händedrücke, gemeinsames Lied, und dann gab‘s Essen. Subjektiv hat sich der Johannes bekehrt. Das muss man festhalten.

Ludwig Birkenstock ein namenloses Rädchen im Fabrikgetriebe? Aus seiner anonymen Existenz in der Gesellschaft kann er kein Selbstwertgefühl ziehen? O nein! Sein Selbstwertgefühl strömt jetzt aus seiner Beziehung zu Gott. Was für Würmer sind die Kollegen, die sich beim Vorarbeiter anbiedern, was für arme Kreaturen die Vorarbeiter, die vor dem Meister schleimen! Dieser Ludwig da hinten am Schmiedehammer, der kleine Malocher in der Arbeitermasse, ist ihnen allen turmhoch überlegen. Sein Verbündeter ist der Herr der Welten. Wenn der mit dem Finger schnippt, sind alle Arbeiter, Vorarbeiter, Meister und Fabrikanten ein für allemal verschwunden, das ganze Märkische Sauerland gleich mit, Breckerfeld sowieso. So einen Verbündeten hat der Ludwig Birkenstock!
Sein sozialer Status in der Welt ist plötzlich unwichtig. Er ist ein „Bruder im Herrn“, und allein diese Tatsache verschafft ihm eine gesellschaftliche Anerkennung bei „Brüdern“ und „Schwestern“ jedweden Standes, die ihm sonst auf immer verwehrt bliebe. Vermögen, Karriere, Manieren, Kleidung, Bildung: alles „Äußere“ zählt bei den Brüdern wenig, denn „der Mensch sieht auf das Äußere, aber der Herr sieht das Herz“, wie geschrieben steht in 1. Samuel 16, Vers 7.
Mit einem Schlag hebt die Bekehrung den Proletarier Birkenstock turmhoch über die Niederungen seiner bisherigen Existenz. In der Fabrik ist er ein austauschbares Rädchen. Für Gott aber ist er einmalig, so wichtig, dass er sich immer wieder um ihn bemüht hat.
Und nicht, wie in der Fabrik üblich, andere haben über ihn entschieden, als er sich „bekehrte“, sondern seine Entscheidung war es. Natürlich ist letztlich alles der Gnade Gottes zuzuschreiben, aber ohne Ludwigs Entscheidung hätte es nun mal keine „Bekehrung“ gegeben.
Jetzt ist er im Bunde mit dem unvorstellbar mächtigen Herrn der Welten. Der lässt die Seinen nie im Stich. Nie. Manchmal prüft er sie durch allerlei Leid, ob sie gefestigt sind. Aber das ist nur ein Zeichen dafür, dass er nach wie vor ihr Bundesgenosse ist. Wenn‘s gar nicht anders geht, wird sein unglaublich mächtiger Herr nicht zögern, dem Ludwig sogar mit einem richtigen Wunder zu Hilfe zu eilen.
Und der Doktor Marx hat doch nicht Recht, wenn er sagt, das gesellschaftliche Sein bestimme das Bewusstsein. Gerade umgekehrt ist es: Ludwigs neues Bewusstsein bestimmt sein gesellschaftliches Sein.
Gleich nebenan, in Elberfeld, der Stadt seines Erweckers, haben die Sozialisten ihre Hochburg. Wenn Ferdinand Lassalle im Saal des Lokals Sanssouci spricht, bringen ihm mehr als tausend Arbeiter donnernde Hochs aus. Sie nennen sich Proletarier. Sie machen sich gegenseitig Mut: Wenn wir zusammenhalten, stehen die Webstühle still, wird kein Riemen gedreht und kein Band gewirkt. Wenn wir sie nicht bedienen, steht die Spinnmaschine still, bis sie rostet, und hundert kleine Hammerwerke in den Tälern des Bergischen Landes verstummen.

Plakat jener Zeit: Lassalle mit dem "Freiheit" - Schwert

Plakat jener Zeit: Lassalle mit dem „Freiheit“-Schwert

Ganze Belegschaften weigern sich, des Sonntags zu arbeiten, wenn
nicht der Lohn erhöht wird. Fabrikarbeiter ertrotzen eine Erhöhung der drei Taler wöchentlich und erkämpfen eine Verkürzung der Arbeitszeit.
Was grölen diese rohen Kerle? „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“? Was die so „Brüder“ nennen. O ja, so singen auch wir, aber nicht nach eurer Melodie. Wir haben eine andere Freiheit: Christus „hat uns frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“.44 So befreit streben wir zum Licht unseres Herrn empor.
Nie hat Ludwig Birkenstock politisch für eine Verbesserung seiner Lage gekämpft. Er hat einen ganz anderen Weg gewählt: Alle seine Hoffnung setzt er auf das Jenseits und arbeitet verbissen daran, sein Alltagsleben nach dem Buchstaben der Bibel zu gestalten, auf dass ihm das Erhoffte zuteil werde. Die Roten kämpfen für ein paar Jahre besseres Leben. Er aber erwartet das bessere Leben für alle Zeiten, für die Ewigkeit. Und beglückt erfährt er, dass er nicht nur die Ewigkeit gewinnen wird, sondern seine Lebensumstände in Breckerfeld als viel weniger bedrückend erlebt. Ludwig Birkenstock wird durch seine Bekehrung ein anderer Mensch.
Anderthalb Jahre bleiben Ludwigs Kinder ohne Mutter und der Mann ohne Frau. Natürlich hat er längst Ausschau nach einer neuen Frau gehalten. Es dürfte gewiss sein, dass er sich inzwischen der Brüdergemeinde eng verbunden fühlt, auch wenn er noch Glied der Kirche ist. Schließlich hat sogar Carl Brockhaus erst drei Jahre nach seinen Breckerfeldern die Kirche verlassen. Wenn aber Ludwig sich als „Bruder“ fühlt, kommt für ihn eine Frau aus der Kirche nicht mehr in Frage, eine Katholikin sowieso nicht. Eine nicht „Wiedergeborene“ ist gänzlich undenkbar: „(Es ist) für einen Gläubigen unter allen Umständen verkehrt, weil dem Worte Gottes zuwider ist, in die Ehe zu treten mit einer Person, die dem Herrn nicht angehört, mag sie auch sonst achtbar und selbst religiös sein.“45 Und weil ja alle anderen Sektierer sind, muss er eine aus dem eigenen Zirkel nehmen.
Die Frauen der „Brüder“ sind in der Ehe leicht zu handhaben. Schon über Mose hat Gott den Frauen klargemacht: „Er soll dein Herr sein“.46 Später hat Paulus die Hierarchie klipp und klar benannt: Gott – Christus – Mann – Weib.47
Die Auswahl in den Brüdergemeinden ist dürftig. Bei den Baptisten, ja, da gibt es viele gut geeignete Jungfrauen und junge Witwen, aber vor einer so schwer wiegenden Sünde muss er sich mit Fleiß hüten. Von des Brockhaus’ Art gibt es ringsum einige wenige Grüppchen, selten mehr als ein halbes Dutzend Männer und Frauen stark.
Und wenn es bei denen mal ein weibliches Wesen im heiratsfähigen Alter gibt: Wann hat ein allein erziehender Fabrikarbeiter mit vier Kindern und Zwölf-Stunden-Arbeitstag Gelegenheit, sich in der Nachbarschaft umzutun? Während der Woche ist das ausgeschlossen. Einzig Sonn- und Feiertage kommen in Frage. Praktisch ist Ludwig, wenn er eine Brockhäuserin will, auf seine Breckerfelder Brüdergemeinde beschränkt.
Hier ist das Angebot erst recht erschreckend gering. Im Jahre 1858 gehören dazu 31 Personen, die die Kirche verlassen und sich dem Brockhaus-Glaubensbekenntnis unterworfen haben. Zählt man die beiden Witwen außerhalb des gebärfähigen Alters nicht mit, gibt es unter den Ausgetretenen nur drei unverheiratete Frauen, die noch zu haben sind: zwei in Holthausen und eine in Breckerfeld. Eine minimale Annäherungszeit außerhalb der Gottesdienste ist wohl nötig. Damit sind die beiden aus Holthausen nur noch zweite Wahl. Zwar ist die Stunde Fußmarsch in jener Zeit grundsätzlich nicht nennenswert, aber wer zwölf Stunden arbeitet, für den sind zwei Stunden für Hin- und Rückweg eben doch viel, zu schweigen davon, dass jedes Mal eine Aufsicht für die Kinder besorgt werden muss.
Überdies warten die beiden auch schon länger auf einen Mann, als es einem Ausschau haltenden Ehekandidaten recht sein mag. So spricht also alles dafür, dass die einzig freie Breckerfelderin auch die einzige ernsthafte Kandidatin ist.
Es ist Caroline Daude. Sie ist im 28. Lebensjahr und schon vor vier Jahren aus der Kirche ausgetreten. Ludwig kennt sie. Jeder in Bre-ckerfeld kennt jeden. Vielleicht hat sie sogar im Auftrag ihrer Gemeinde Ludwigs Haushalt mit den Kindern besorgt, während er „auf Arbeit“ war.
Obwohl sie als „Schwester“ in der Brüdergemeinde gewisslich einen untadeligen Lebenswandel führt, hat sie doch nicht den besten Ruf, denn der waldecksche Füselier Heinrich Daude hat sie gezeugt, als er in Breckerfeld im Winterquartier lag.48

Zwischentext:
Paulus‘ Frauenbild in Briefen an seine Gemeinden

Epheser 5,22/23:
Ihr Weiber, seid unterwürfig euren eigenen Männern, als dem Herrn. Denn der Mann ist des Weibes Haupt.

1. Petrus 3,1
Ihr Weiber, seid euren Männern unterwürfig.

Epheser 5,33:
Ein jeder von euch liebe sein Weib also wie sich selbst. Das Weib aber, dass sie den Mann fürchte.

1. Korinther 14, 34 f.:
Weiber sollen schweigen in den Versammlungen, denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern unterworfen zu sein. ... Wenn sie fragen.

1. Thimotheus 2,12:
Ich erlaube aber einem Weibe nicht zu lehren, noch über den Mann zu herrschen, sondern stille zu sein. Denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva.

1. Thimotheus 2,9:
(Ich will nun,) dass die Weiber in bescheidenem Äußeren mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit sich schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung.

Der hat damals zwar seinen Sündenfall ohne langes Leugnen dem jungen Prediger Spitzbarth eingestanden, hat ein paar Jahre später sogar die Kindesmutter geheiratet und so der Caroline nachträglich zu einem legitimen Status verholfen und ist inzwischen Schlossschmied in Breckerfeld, aber an der Tatsache ihrer unkorrekten Zeugung ändert das nichts, und kein Mann, der auf sich hält, will so eine haben. Dass sie sich den Dreißigern nähert und immer noch nicht verheiratet ist, hängt sicherlich auch mit dem Makel ihrer Geburt zusammen.
Wenn es aber doch Bewerber gegeben haben sollte, so kamen sie umgekehrt für Caroline keinesfalls in Frage. Nie und nimmer würde sie einen Nicht-“Bruder“ akzeptieren. Dann aber ist die Auswahl für sie noch geringer als für Ludwig, denn außer ihm, einem Ackerknecht und einem Schuster sind in ihrer Gemeinde keine Männer zu haben. So läuft, Liebe hin, Trieb her, praktisch alles auf eine Verbindung von Ludwig und Caroline zu.
Für den Birkenstock ist es nicht erheblich, dass in der Taufregister-Spalte49 „ob es ehelich oder unehelich“ lauter knappe „ehl.“ und nur bei Caroline Daude, auffallend aus der Spalte tanzend, ein „unehel.“ steht. Für ihn zählt, dass die Frau gläubig ist, „wiedergeboren“ in der Lesart von Carl Brockhaus Dass schließlich er selbst nur durch rasche Hochzeit eine uneheliche Geburt vermied, hat er vielleicht auch nicht vergessen.
Wenn Ludwig die Caroline will, heißt das noch lange nicht, dass die verschämt die Augen senkt und dankbar ihn nimmt. Denn noch gehört er nicht zur Gemeinde.

Zeitsprung: Drei Generationen später
„Gott irrt nicht!“

Werner L., *1904, Ehemann einer Urenkelin Ludwigs, am 2.3.1997

Frage: Dein Schwiegervater schreibt in seinem Brautwerbebrief, wenn auch Paula ihn liebe, sei das ein Zeichen, dass der Herr sie zusammentun wolle.
Antwort: Richtig.

Frage: Aber Gefühle sind doch nicht alle von Gott eingegeben.
Antwort: Doch.

Frage: Gefühle können sich doch wandeln. Da kann man doch irren.
Antwort: Gott irrt nicht.

 

Zeitsprung: Drei Generationen später
Berichte von Nachgeborenen: Die Taufe bei den „Brüdern“

Elisabeth S.,*1908, Urenkelin Ludwigs, Tonbandaufzeichnung im Januar 1985
Das ging ganz trostlos zu. ... Der alte Bloedhorn ging mit mir in den Keller (G.S.: des Versammlungsgebäudes). Es war sonst niemand dabei. Nur der alte Bloedhorn und ich. Im Keller war eine Badewanne. Ein bisschen peinlich war‘s mir. Da waren Kajüten, so wie Badekajüten. Ich musste mich (G.S.: darin) ganz ausziehen und das Taufhemd anziehen. Das wurde, glaube ich, gestellt. Ich kam mit dem Taufhemd da raus aus der Kajüte. Da stand dann der alte Bloedhorn. Ich musste in die Badewanne reinsteigen. Ich musste mich hinlegen. Er sprach: „Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Ich wurde ganz untergetaucht.
Frage: Hat dann jemand gratuliert?
Antwort: Das weiß ich nicht mehr. Es ging sehr „trocken“ zu. Da wollte ich nicht so schnell nach Hause, weil ich Fragen und Bemerkungen scheute. Ich habe einen weiten Umweg gemacht. ... Aber niemand hat etwas gesagt, weder Vater noch Mutter.

Hanna K., *1909, Urenkelin Ludwigs, am 5.6.1977
Darüber spreche ich nicht!

Helene S., *1905, Schwägerin einer Urenkelin Ludwigs, am 3.5.1977
Ich bin bei Schusters (G.S.: Hausmeister des „Versammlungs“-Gebäudes) in der Badewanne getauft worden. Opa Schubert hat mich getauft. Der war meist fürs Taufen zuständig.
Es war alles sehr nüchtern. Wir waren fünf oder sechs Mädchen und hatten lange weiße Nachthemden an. Opa Schubert hielt eine kleine Spruch-Andacht, und dann wurden wir nacheinander untergetaucht, und zwar ganz. Da hab ich ganz schön nach Luft schnappen müssen.

Eine auch nur kurze Zeit der verliebten Gewöhnung und des näheren Kennenlernens ist nicht erwünscht, „weil das Wort Gottes diesen Zustand nicht kennt und deshalb auch nicht anerkennt“. Versammlungs-„Geschwister“ halten “sich auch in dieser Beziehung von der Welt und ihrem Thun unbefleckt“. Wer seine Frau „vom Herrn erbeten und aus seiner Hand empfangen hat“,50 kann sich alles Testen seiner Gefühle sparen. Sobald da ein Liebes-Gefühl zu einer „Schwester“ ist, kommt das von Gott, und wenn beide das haben, heißt das, er hat sie füreinander bestimmt.
Die genauen Hintergründe werden wir nie erfahren. Tatsache ist jedoch, dass Ludwig erst wenige Wochen vor seiner zweiten Hochzeit aus der Kirche austritt.
Aber noch immer würde die Caroline den Ludwig nicht nehmen, bloß weil er aus der Kirche ausgetreten ist und sonntags bei den „Brüdern“ mitsingt. Als nächstes fehlt seine Taufe, denn eine Taufe von den Spitzbarths dieser Welt hat nichts zu besagen.

Seit Jahren schon tauft Carl Brockhaus seine Anhänger noch einmal. Dass sich der Lehrer erdreistet, sogar das Sakrament zu okkupieren, wird Hochwürden gewiss mit fassungsloser Empörung erfüllen, aber er kann die Fäuste nur unterm Talar ballen.
Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ist es auch Meister Brockhaus persönlich, der Ludwigs zweite Taufe vollzieht. Wer sonst? So steigt auch Voormanns Arbeiter nackt in das lange Taufhemd und lässt sich in einer profanen Badewanne untertauchen. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Nachdem er von den „Brüdern“ getauft wurde, qualifiziert ihn das aber noch immer nicht zur Ehe mit einer „Schwester“. Er muss auch zur Gemeinde gehören. Nicht zu irgendeiner Brockhaus-Gemeinde, sondern zu der in Breckerfeld. Jede ist nämlich für die Reinheit ihrer Lehre selbst zuständig. Da genügt nicht eine Beitrittserklärung wie bei der Kirche oder irgendeiner Freikirche, sondern jeder Aspirant hat sich einem Verhör zu unterziehen, bei dem ausgesuchte „Brüder“ die Qualität seines Glaubens prüfen.
Weil aber die Prüfer Ludwigs enge Beziehungen zum großen Brockhaus kennen, mag zwar ein Bandwirker oder ein Schmied bestrebt sein, bei dieser Gelegenheit durch besonders qualifizierte Fragen seine eigene Glaubensfestigkeit vorzuzeigen, aber das Zertifikat dürfte von vornherein nicht in Zweifel stehen.
Erst, nachdem ihm die Ältesten einen im darbystischen Sinne „gesunden“ Glauben attestiert haben, lassen sie ihn zum „Tisch des Herrn“ zu: Er darf mit ihnen das Abendmahl nehmen, das in ihrer Sprache „Brotbrechen“ heißt.

Erstes Buch
Teil 1: Ludwig, Carl und Mister Darby
Teil 2: Der wiedergeborene Ludwig

Zweites Buch
Adolf Birkenstocks Ungehorsam


1   Alle Angaben zu Besitz und sozialem Status der Breckerfelder Birkenstocks nach den Unterlagen im Archiv des Katasteramts des Ennepe-Ruhr-Kreises in Schwelm: Güterverzeichnisse 39/43 und 40/44, Grundsteuerveranlagungen von 1866, Güter-auszüge von 1905

2   Alle genealogischen Angaben zu Breckerfelder Birkenstocks aus: NW-Staatsarchiv Detmold, Signaturen P4 Nr. 956 bis 960 und: Archiv der ev. Landeskirche von Westfalen (ermittelt von Heinrich Büsemeyer, 33689 Bielefeld; im Familienarchiv Sennlaub in Mappe 21)

3   Anton Maier, Seite 351. Alle folgenden Angaben zu Städtchen und Einwohner-schaft nach Anton Maier

4   Anton Maier, S. 320

5   Alle Angaben zum Lebenslauf Darbys nach: Ernst Eylenstein, Erich Geldbach, Rolf-Edgar Gerlach, Gerhard Jordy und Friedrich Sandmann (siehe Literaturverzeichnis)

6   Geldbach, S. 11

7   Anton Maier, S. 320

8   Anton Maier, Seite 370 ff.

9   Fritz Jorde, S. 168 f.

10   Peter Mesenhöller war 1840 gestorben, als seine Frau Amalia schwanger war. (Archiv der ev. Landeskirche von Westfalen, Tode Breckerfeld, 15/1840)

11   Anton Maier, S. 10

12   Kuczinsky, Band III, Seite 252

13   Anton Maier, Seite 386

14   Personalakte des Pfarrers Spitzbarth im Landeskirchlichen Archiv

15   NRW-StA Münster: Kleve-Märkische Regierung, Landessachen, Nr. 133

16   Nr. 97/1805 im Archiv der Stadt Schwelm in Haus Martfeld

17   zitiert von Roch, Seite 20

18   Julius Köster, Seite 11

19   Julius Köster, Seite 29

20   Aus der Personalakte Karl Spitzbarth: Der Student Sp. wurde 1824 „wegen Theilnahme an einer burschenschaftlichen Verbindung durch Senatsbeschluß vom 26. Mai mit dem consilium abeundi bestraft, aber durch die Allerhöchste Cabinettsordre ... dahin begnadigt, daß ihm die Fortsetzung seiner Studien auf einer anderen Universität unter besonderer Aufsicht des dasigen Königl. Regierungsbevollmächtigten verstattet ist ...“

21   Angaben zum Lebenslauf Brockhaus’ und der Entwicklung seiner Gemeinden bei Ernst Eylenstein, Erich Geldbach, G. Ischebeck, Gerhard Jordy und Kurt Hutten

22   Fritz Jorde, Seite 66

23   Geldbach, S. 45

24   Seite 98

25   Gerhart Werner, Seite 12

26   a.a.O.

27   Pfarrarchiv Breckerfeld, Teil I, D 42

28   Das Folgende nach Julius Köster, Seite 163 ff.

29   Das Folgende nach: Goebel-W., Seite 17

30   Paulus’ Brief an seine Gemeinde in Rom: Römer 13.1

31   Wolfgang Heinrichs, Seite 280 f.

32   Jahresbericht des Presbyteriums vom 5.9.1852, Blatt 11 (Paginierung von G.S.), in: Pfarrarchiv Breckerfeld

33   Beim Schwelmer Bürgermeister August Grothe heißt der Beamte Mengden (?), vgl. S. 45 f.

34   Jahresbericht des Presbyteriums vom 5.9.1852 in: Pfarrarchiv Breckerfeld

35   2. Timotheus 4.13

36   Alle folgenden Angaben zur Auseinandersetzung Kirche-Brüder nach dem Pfarrarchiv Breckerfeld

37   NW StA Münster, Kreisgericht Hagen I 9

38   Aktenvermerk Spitzbarths vom 18.2.1853 im Pfarrarchiv

39   Botschafter des Heils in Christo, 1899, S. 54

40   Botschafter des Heils in Christo, 1899, S. 54

41   Pfarrarchiv a.a.O., Blatt 22 (Paginierung von G.S.)

42   NW StA Münster, Kreisgericht Hagen I 9

43   NRW-StA Münster: Regierung Arnsberg II A Nr. 86

44   Brief des Paulus an seine Gemeinde in Rom, Kap. 8, Vers 2

45   Aus: Botschafter des Heils in Christo, 1899, S. 29 ff.

46   1. Mose 3,16

47   1. Korinther 11.3

48   NW Staatsarchiv Detmold, P4 Nr. 956

49   Archiv der ev. Landeskirche von Westfalen

50   wahrscheinlich Carl Brockhaus in seiner Zeitschrift Botschafter des Heils in Christo, 1899, S. 29 f.

Erstes Buch
Teil 1: Ludwig, Carl und Mister Darby
Teil 2: Der wiedergeborene Ludwig

Zweites Buch
Adolf Birkenstocks Ungehorsam