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Lehrers Eigennutz (Nicht immer nur an Schüler denken!)

„Mein Sohn studiert Lehramt Grundschule.
Er war schon in der Schule ein Rebell.”

(Eine Nachbarin zum Autor)


Lehrer, heißt es in den fürs "Kaputtschrieben" (Beamtenjargon) zuständigen Gesundheitsämtern, sind Burnout-Kandidaten. Dazu kann ich nichts sagen. Burnout habe ich nie erlebt, ADHS, Mobbing, Dyskalkulie, Dyslexie, Agrafie, „Frustration“ und so was alles waren zu meiner Zeit noch nicht erfunden. Aber eine Vermutung habe ich, warum heute so viele Kollegen ausbrennen. Und dazu kann ich dann doch was sagen. Schließlich habe ich meine Dienstzeit schadlos überstanden und war bis zum letzten Tag „gut drauf“.

Nur wir Alten können von Lehrers Brandverhütung berichten. Denn, liebe Leute, das lehrt euch keiner! Die dafür in Frage kämen, haben nie erlebt, was euch droht: ausgebrannt sein. Die haben  sich lange vorher in Sicherheit gebracht – in Aus-, Fort- und Weiterbildung und Verwaltung. Wie sollten deren Literaturkenntnisse euch helfen können?

Meine Kritiker könnten sagen:  Auch ihr mit den vergleichsweise idyllischen Bedingungen eurer Zeit könnt das nicht. Da ist was dran. Schwierig zu handhabende Kinder hatten auch wir, aber nicht die heute verbreitete Kombination von schwierig, anspruchsvoll, selbstbewusst und frech. Durch den Rost gerüttelte Zugewanderte der dritten Generation kannten wir nicht, auch nicht Eltern mit Erziehungs-Handbüchern unterm Arm und  passender Rechtsschutzversicherung im Haus. Unsere Schüler traten keine Türen ein und nannten weder den Lehrer „Arschloch“ noch die Lehrerin „alte Fotze“. Angst vor denen mussten wir nicht haben. Mitschüler „abzuziehen“ war noch nicht mal dem Terminus nach bekannt. Und wer nach der Prügelei auf dem Pausenhof besiegt unten lag, wurde nicht noch mit Fußtritten bearbeitet. Ich kann also nicht mitreden.

Doch, ich kann. Nie hatte ich eine Klasse, in der weniger als 35 Kinder und junge Leute saßen. Als Schulleiter war ich acht Jahre lang Klassenlehrer zweier Parallelklassen dieser Größe. Die Sekretärin kam einmal in der Woche – wenn sie gesund war. Legastheniebeauftragter der Stadt Wuppertal war ich. Schulkindergärtnerinnen habe ich ausgebildet. Diecks Gelbe Reihe herausgegeben. Im Vorstand des Arbeitskreises Grundschule mitgemacht. Und trotzdem  jedem Kind ein ehrlich-ausführliches Gutachten geschrieben, also nicht mit meinen Dienstpflichten geschlampt. Und empfindlich, wie wir Lehrer nun mal sind, bin ich schließlich auch.

Ein kleines Burnout hätte mir schon zugestanden. Warum hatte ich es nicht? Heute meine ich zu wissen: Weil ich bei der Gestaltung des Unterrichtstages immer nie an mich zuletzt gedacht habe. Weil ich die Freude an meinem Beruf über alles stellte, was üblich und vorgeschrieben war. Platt: Ich habe den erniedrigenden Stumpfsinn von Lehrers Alltagsroutine so gut wie möglich vermieden und getan, was MIR Freude machte.

Ich habe darauf geachtet, dass ich morgens in froher Erwartung pfeifend in die Schule gehen konnte. Wenn ich die Meinen einzeln mit Handschlag begrüßte, statt mich im Chor von ihnen anschreien zu lassen, musste ich keine gute Laune vorschützen. Ich hatte sie wirklich.

Schon als „Junglehrer“ habe ich die zu Zahlen geronnene Willkür der Stundentafel oft nicht befolgt. Je älter ich wurde, desto weniger. In meinen letzten Jahren habe ich morgens mit der ganzen Klasse den Stundenplan des Tages zusammengestellt, ohne Rücksicht auf die amtlichen Vorgaben. Die wechseln sowieso alle paar Jahre. Die 45-Minuten-Portionierung habe ich einfach nicht zur Kenntnis genommen. Sie berührt weder der Kinder Interessen und Bedürfnisse noch meine. Weil ich keinem strengen Plan folgte, sondern oft mit den Kindern erarbeitete, was die wollten oder wonach mir der Sinn stand, musste ich manchmal viele Monate Lehrbericht nachtragen. Außer, um meinen Schulrat während der „Junglehrer“-Zeit zu beschummeln, habe ich nie eine der üblichen Unterrichtsplanungen fabriziert. Ich hielt und halte sie für dumm Tüüch. (Die machen wir für Unterrichtsbeobachter, die ohne diesen Schrieb nicht wissen, was sie zu der ihnen gebotenen Aufführung sagen sollen.) 
Die meisten Vorschriften habe ich erst gelesen, wenn ich sie zur Verteidigung brauchte. Es geschah selten genug, und irgendeine findet sich immer. Die überkommene „Aufsatzerziehung“ mit ihrem irrationalen Beamtenmief habe ich abgeschafft, als sie mich genug Arbeitsfreude gekostet hatte. Wenn ich um eines Kindes willen meinte, dessen Klassenarbeit nicht zensieren zu dürfen, habe ich sie nicht zensiert. Eltern durften jederzeit unangemeldet in den Unterricht kommen, oft kamen sie vor oder nach ihren Besorgungen, und ich habe sie helfend eingespannt. Natürlich war Berechnung dabei: Musste ich mal mit Gegenwind rechnen, waren die Dauerbesucher auf meiner Seite. Aber es war mehr: Es machte mir Freude.

Allerdings: Wie sich Lehrersein nach dreißig Jahren anfühlt, weiß ich nicht. Denn nach zwanzig Jahren habe auch ich mich von Pestalozzis Acker gemacht. Als Schulaufsichtsbeamter wurde meine Nervenbelastung schlagartig halbiert.

Heutigen kann ich meine Verfahren nicht als Vorbild hinstellen. Auch deswegen nicht, weil ich ohne die Leistung einer Kinder erziehenden Ehefrau ein anderer hätte sein müssen. Aber das kann ich sagen: Denkt konsequent auch an euch! Eure Oberen kümmert nicht, ob ihr Freude am Beruf habt. Die müsst ihr euch schon immer wieder selber schaffen.

Noch was, Kollegen in spe: Unsere verwaltete Schule braucht pädagogische Rebellen. Rebelliert, aber macht um Pestalozzi willen kein Geschrei dabei! Als Aufrührer zu erkennen geben solltet ihr euch erst, wenn ihr fest im Sattel sitzt. Wer sich zu früh zu erkennen gibt, läuft Gefahr, immer wieder untergetunkt und deshalb immer wieder zur Rebellion genötigt zu werden. Lernt von der Kollegin Czerny. Die sollte Schulleiterin werden und hat ihre Flagge zu früh gehisst. Da hat die Behörde sie zum Amtsarzt geschickt.

Bei dieser Gelegenheit: Gedenkt unserer Brüder und Schwestern in Bayern. Sie haben’s schwer.