Gerhard Sennlaub

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Cosa nostra

Heute, da ich mit achtzig am Ende meines Lehrerlebens bin und viele Jahrzehnte Schulentwicklung erfahren habe, glaube ich nicht mehr, dass unsere Schule dank ihrer Verfasstheit jemals jungen Menschen gerecht werden könnte.

Die Universitäten sind nicht imstande, Lehrerinnen und Lehrer für ihren Berufsalltag auszubilden. Seminare sind überfordert, den von den Universitäten aufgetürmten Defizitberg abzutragen.

Und der Staat ist nicht in der Lage, aus seiner Schule eine pädagogische Veranstaltung zu machen, zumal die jeweiligen Machthaber in den Türmen ihrer Ideologien eingemauert sind. Obwohl fortwährend von Selbstverantwortung der Schulen die Rede ist, werden unverändert die Herrschaftsinstrumente eingesetzt, die staatliche Schulverwaltung einzig kennt: Druck durch Vorschriften, Forderungen und Kontrolle. Und gäbe es nicht auf allen Ebenen in Verwaltungen und Regierungen Bundesgenossen der Pädagogen, wäre alles noch viel schlimmer.

Das ist kein Vorwurf. Sie meinen’s ja gut. Aber sie können’s eben nicht.

Sie konnten’s noch nie. Bereits vor mehr als hundert Jahren schrieb unser Kollege Hermann Weimer: „Es ist in unserem Schulwesen seit den Tagen des Humanismus schon viel reformiert worden, und der Eifer der Schulverbesserer hat sich genau auf dieselben Punkte beschränkt, die man heute noch als reformbedürftig empfindet: die Stoffwahl, die Lehrart und die Gesamtorganisation unseres Bildungswesens. Aber alle diese Reformen haben die Unzufriedenheit und das Unbehagen nicht aus der Schule zu bannen vermocht. Warum nicht? Weil diese Reformen immer nur den Sachen und Einrichtungen galten, nicht aber den Menschen.“

Wo Schule human ist, da ist sie es durch Pädagoginnen und Pädagogen, nicht als System. Weil es  Universität und Staat nicht können, ruht wie vor hundert Jahren alle Hoffnung auf Lehrerinnen und Lehrern: „So schaue denn im Schulleben jeder zunächst auf sich und sein Werk. ... Er mache aus seinem Amte eine persönliche Angelegenheit.“ Das ist es: Nur Lehrerinnen und Lehrer können den ihnen anvertrauten Kindern eine bessere Schulzeit bieten, menschlicher, gescheiter, heiterer, redlicher – und deshalb erfolgreicher.

Die daran arbeiten, sind eine Minderheit in der Kollegenschaft. Auch die heute vielgerühmten Reformpädagogen waren eine Minderheit; die Erneuerer der Grundschule in den siebziger Jahren auch. Aber Hunderte von Kindern sind im Laufe der Jahre die Gewinner eines einzigen Lehrerlebens.

Jede „persönliche Angelegenheit“ ist anders. Die Reform gibt es nicht. “Eines schickt sich nicht für alle. Sehe jeder, wie er’s treibe“, sehe jede, wo sie bleibe ... Nur über eins darf es keine Diskussion geben: Am Ende muss jeder sich an den Ergebnissen seiner Arbeit messen lassen.

Liebe Schwestern, liebe Brüder: Sucht gleichgesinnte Kolleginnen und Kollegen. Helft, tröstet und ermutigt einander bei den vielen Rückschlägen, die zum Berufsbild gehören. Seid solidarisch. Redet nicht mehr über eure Reformen, als eure Leidensfähigkeit es zulässt. Und vergesst nicht euch selbst. Ihr müsst euch wohlfühlen. Zerfranst euch nicht für Kinder. Denkt auch an jene, die in zwanzig Jahren nicht an einer zerfransten Lehrerin oder einem verbrauchten Lehrer leiden dürfen.

Vor allem aber: Macht euch Freude im Berufsalltag. (Und nehmt nicht jeden Tropfen säuerlichen Regens und jedes Hagelkörnlein ernst, das euch trifft.) Dass ihr Freude habt, ist wichtiger als peinlicher Vorschriftengehorsam. Arbeitet ihr mit Freude, geht es auch den Kindern besser, und sie lernen mehr. Freude aber müsst ihr euch selber machen; niemand sonst hat die Absicht, das zu tun.

Vielleicht können heutige Kolleginnen und Kollegen aus manchen Erlebnissen und Erscheinungen ihrer Zeit Mut für ihre privaten Reformen schöpfen, wenn sie die im Lichte meiner Zeit sehen. Deshalb habe ich hier nach und nach unter dem Titel „Zu meiner Zeit“ ein Päckchen Kolumnen ins Netz gestellt.

Macht´s gut!
Gerhard Sennlaub